Lexikon der Filmbegriffe

Mehr-Kamera-Verfahren

engl.: multiple camera shooting = wörtl. etwa: (simultane) Aufnahme mit mehreren Kameras; manchmal: multiple camera setup; selten: multiple camera mode of production

(1) Von 1914 bis 1928 wurden Aufnahmen des gleichen Geschehens mit mehreren Kameras zur Herstellung von Export-Fassungen gemacht.

(2) Nach Beginn der Tonfilm-Ära war das Verfahren kurzzeitig nötig, weil es nur möglich war, Bilder miteinander zu kombinieren und zu synchronisieren, die gleichzeitig gedreht waren. Es musste also darauf geachtet werden, dass die Kameras entweder durchliefen oder dass sie zumindest überlappende Teile der Szene festhielten.

Literatur: Bordwell, David: The introduction of sound. In: The Classical Hollywood Cinema. Ed. by David Bordwell, Janet Staiger & Kristin Thompson. New York: Columbia University Press 1985, S. 298-308.

(3) Im Coverage-Verfahren wurde das gleiche Geschehen manchmal mit drei Kameras gleichzeitig gefilmt, bei variierenden Kameradistanzen, -höhen, Objektivlängen etc. Dabei entstand ausreichend überlappendes Material, dass eine Auflösung der Szene ohne Nachdreh nahezu immer möglich war.

(4) Action-Szenen, insbesondere solche, bei denen Requisiten oder ganze Häuser beschädigt werden, werden mit zahlreichen Kameras dokumentiert – der Augenblick des Geschehens ist u.U. unwiederbringlich. Das gleiche gilt für Stunt-Szenen, die nach Möglichkeit nicht wiederholt werden, um die Gesundheit der Akteure nicht zu gefährden.

(5) Seit den 1980ern kam es in Mode, ein B-Team auf dem Set arbeiten zu lassen, das alternative Aufnahmen bereitstellte, mit dem Zusatzmaterial schnellere Schnittfolgen ermöglichte und zugleich Material für die Making-Ofs bereitstellte. Das B-Team war nicht durch ein Schema wie das Coverage-System gebunden, sondern auf das Handlungsgeschehen, Anekdoten während des Drehs und der Pausen, auf Details am Set, aber auch im Backstage-Bereich angesetzt (es gibt es manchmal sogar ein C-Team, das ausschließlich Nebensächlichkeiten aufnehmen soll). Heute ist der Trend gelegentlich aber wieder gegenläufig, es gibt eine intensive Neuzuwendung zum Ein-Kamera-Verfahren.

(6) Im Fernsehen liefern mehrere Kameras, die gleichzeitig ein Geschehen (Live-Shows, Sportereignisse, Theater- oder Musikveranstaltungen u.a.m.) abbilden, das Rohmaterial, aus dem im „heißen Schnitt“ das Sendematerial ausgewählt wird. Mehrere Bilder stehen zur Verfügung, eines kommt beim Zuschauer an.

Referenzen:

coverage (1)

coverage (2)

Drei-Kamera-Verfahren

Ein-Kamera-Verfahren

Mehrkamera-Effekte


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: JH


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