Lexikon der Filmbegriffe

humanitärer Dokumentarfilm

Variante des Dokumentarfilms, dessen Hauptanliegen darin besteht, auf das grundsätzlich Gute im Menschen zu verweisen und zu zeigen, wieviel Kreativität, Intelligenz, Güte und Humor, aber auch Leidensfähigkeit in ihm vorhanden sind. Der Fokus liegt oft auf gesellschaftlichen Außenseitergruppen und auf damit verwobenen Motiven. Entsprechend positiv werden Minderheiten und Subkulturen porträtiert und Fragen über Minoritätsprobleme, Kulturkontraste und Emigration, aber auch Homosexualität, Generationenbeziehungen, Behinderung, bäuerliches Leben etc. einfühlsam geschildert. Außerdem werden soziale und politische Missstände angeklagt, die das Potenzial des Menschen schmälern: das Leben in Trabantenstädten, Arbeitslosigkeit, Krieg, Prostitution, Apartheid, Jugendkriminalität etc. Die Wirkungsabsicht der Filme besteht darin, ethnozentrische, schichtspezifische u. a. Vorurteile und Chauvinismen abzubauen und zur Gründung einer family of man (nach dem Titel der berühmten Foto-Ausstellung, die Edward Steichen 1951 für das New Yorker Museum of Modern Arts konzipierte) aufzurufen. Insofern beinhalten humanitäre Dokumentarfilme immer ein gewisses Maß an Systemkritik. Eine Nähe zum tendenziell wissenschaftlichen ethnografischen Film besteht dann, wenn das Anliegen bedrohter Ethnien auf Erhaltung ihrer Lebensgrundlagen und ihre Schutzwürdigkeit betont werden.

Beispiele: Enligt Lag (Schweden 1956, Peter Weiss, Hans Nordenstrom); Behinderte Liebe (Schweiz 1979, Marlies Graf); Les vivants et les morts de Sarajevo (Frankreich 1993, Radovan Tadić).


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: PB


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