Lexikon der Filmbegriffe

Heterotopie

Foucault unterscheidet in seinem Artikel „Andere Räume“ zwei Typen von ideell aufgeladenen Räumen: Neben den Utopien, die unwirkliche und nur virtuelle Gegenentwürfe oder Perfektionierungen der realen gesellschaftlichen Verhältnisse sind, finden sich die Heterotopien, die er als „realisierte Utopien“, als Gegenwelten zu den heterogenen Machtstrukturen der gesellschaftlichen Realität ansieht. Heterotopien sind institutionell oft geschlossene und oft auch räumlich abgegrenzte Orte in einer Gesellschaft, die ein verkleinertes Abbild oder Gegenbild der Gesamtgesellschaft sind. Sie sind einer klaren Ordnung unterworfen, die gegen die Unordnung der umgebenden Welt (oder gegen ihre verschiedenen, einander behindernden oder sogar ausschließenden Ordnungen) gestellt sind. Foucaults Beispiele für Heterotopien sind Erholungsheime, psychiatrische Kliniken, Gefängnisse, Altersheime, Friedhöfe, Museen, Bibliotheken, Kolonien etc. Heterotopien haben oft eine eigene Alltagszeit, die mit der gesellschaftlichen Alltagszeit nicht übereinstimmt.
Das diskursanalytische Konzept der Heterotopien schafft ein Instrumentarium, institutionelle Eigenrealitäten als besondere Handlungsräume nicht allein in sich zu modellieren, sondern auch die Ordnungskriterien und -werte, die die Innenrealität heterotopischer Räume ausmachen, im Verhältnis zur äußeren Realität zu untersuchen, so dass die Institutionalität der dargestellten Welt als allegorisch-semiotischer Reflex auf die Macht- und Ordnungsstrukturen der Diegese verstanden werden kann.

Literatur: Foucault, Michel: Andere Räume [1967]. In: Aisthesis. Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik. Hrsg. v. Karlheinz Barck [...]. Leipzig: Reclam 1990, S. 34-46.


Artikel zuletzt geändert am 30.07.2011


Verfasser: HJW


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