Lexikon der Filmbegriffe

Historiophotie

Der Historiker Hayden White prägte 1988 das Wort Historiophotie als Gegenbegriff zu Historiografie, als er in einem größeren Gedankenexperiment versuchte, verfilmte und geschriebene Geschichte gegeneinander abzugrenzen. Während letztere Geschichtsschreibung als sprachlichen Diskurs betreibt, dabei u.U. verbale Bilder und Metaphern verwendet, versteht Hayden erstere als Repräsentation von Geschichte als Erzählung und als  filmische Darstellung. Mit jedem Biopic etwa (gleichgültig, ob die biografierte Figur von politischem, kirchlichem, humanitärem, technik- oder kunsthistorischen Interesse ist) ist man mit Tod und Wiedergeburt konfrontiert: Die porträtierte Figur wird in der Präsenz der Leinwandgeschichte neu belebt, tritt in eine imaginäre Gegenwart ein, um am Ende erneut zu sterben. Der Akteur ist eine Wiedergänger-Figur, die der historischen Figur Gestalt gibt, eine illusionäre Nähe zum Zuschauer herstellt und das Vergangene so re-aktualisiert. Ein derartiges „Historiophoto“ ist eine Stellvertretung des historischen Ich, das einen „imaginären Überschuss“ der Lebensgeschichte an der Trennungslinie zwischen historischer und aktueller Figur erfindet. Historiophotie steht für diesen Überschuss aus der Verbindung von Visuellem mit Sprache, bildet eine „Antithese“ zur geschriebenen Geschichte.
Ob es tatsächlich historiophotische Geschichtsschreibung gibt, ist umstritten. Unumstritten aber ist, dass es ein populäres Gedächtnis historischer Epochen gibt, das meist wohl nicht auf den historischen Tatsachen beruht, sondern u.a. auf den Inszenierungen und Erfindungen der Filmindustrie. Insofern kann man von der „Hollywood-Erfindung der römischen Antike“ sprechen, wie es ein Buchtitel tut. Im Extremfall wird die Wiedergänger-Figur zur zumindest materiellen Hülle der historischen Figur. Ein Beispiel mag Otto Gebühr sein, der in seinen diversen Friedrich-II-Darstellungen zur Re-Inkarnation des Großen Königs wurde.

Literatur: Rosenstone, Robert: History in images/History in words: Reflections on the possibility of reall putting history onto film. In: The American Historical Review 93, 1988, S. 1173-1185. – White, Hayden: Historiography and Historiophoty. In: American Historical Review 93, 1988, S. 1193-1199. – Toplin, R.B.: The Filmmaker as Historian. In: American Historical Review 93, 1988, S. 1210-1227. – Nieberle, Sigrid: Literarhistorische Filmbiographien. Autorschaft und Literaturgeschichte im Kino; mit einer Filmographie 1909-2007. Berlin/New York: de Gruyter 2008 (Media and Cultural Memory. 7.).


Artikel zuletzt geändert am 22.08.2011


Verfasser: HJW


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