Lexikon der Filmbegriffe

Kammerspiel / Kammerspielfilm

engl. manchmal: chamber drama; Kracauer folgend gehören Triebfilme und Straßenfilme als Subformen zum Dunstkreis der Kammerspiele

(1) Die Bezeichnung ‚Kammerspiel‘ wurde in Anlehnung an die naturalistischen Theaterinszenierungen Max Reinhardts geprägt, deren Stilrichtung einen psychologischen Realismus und eine psychologische Tiefe anstrebte, die durch die Beschränkung auf nur wenige, meist den unteren Schichten resp. dem Kleinbürgertum angehörigen Charaktere eine umso intensivere Zuwendung zu den Figuren zu ermöglichen suchte. Der Drehbuchautor Carl Mayer gilt als Urheber und wichtigster Vertreter dieser Gattung. Seine Filme (Scherben, 1921, Lupu Pick; Hintertreppe, 1921, Paul Leni; Der letzte Mann, 1924, Friedrich Wilhelm Murnau) markieren entsprechend deren Höhepunkte. Wesensmerkmale sind neben der Hinwendung an das psychologische Drama und der Konzentration auf wenige Figuren sowie die meist strikt eingehaltene Einheit von Ort, Zeit und Handlung die Konzentration auf Handlung in Innenräumen und die außerordentlich auffallende Nähe der Kamera zu den Akteuren. Der innere, oft als zwanghaft und unentrinnbar erscheinende Konflikt der Figuren rückt sowohl thematisch wie durch das Ausdrucksverhalten der Schauspieler in den Vordergrund. Außerdem verzichten die Kammerspielfilme weitgehend auf Zwischentitel. Dass unter diesen Bedingungen die Schauspielkunst der Darsteller von zentraler Bedeutung ist, gehört ebenso zu den stilistischen Prinzipien des Kammerspiels wie die symbolische Aufladung einzelner Objekte und Gegenstände.

Weitere Beispiele: Michael (Deutschland 1924, Carl Theodor Dreyer); Abschied (Deutschland 1930, Robert Siodmak).

(2) Heute auch verallgemeinert als Bezeichnung für Filme mit einfacher, meist lyrisch orientierter Handlung, eingeschränkt auf wenige Figuren und Handlungsorte, oft mit melodramatischen Themen. Filme wie Robert Altmans Fool for Love (USA 1985), der sich auf drei Figuren und deren Beziehungen beschränkt, gehören diesem Typus an.

Referenzen:

Problemfilm

Triebfilm


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: PB CA


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