Lexikon der Filmbegriffe

Kinoreformbewegung

Die Anfänge der deutschen Kinoreformbewegung liegen um das Jahr 1907, als durch die verstärkte Verbreitung der Kinos in Großstädten erstmals die „Kinofrage“ gestellt, d.h. die Reformbedürftigkeit des Volksunterhaltungsmittels behauptet wird. Der Reformwille bezieht sich je nach Haltung der Autoren entweder auf moralisch-ethische Werte oder ästhetische Merkmale des Films.
Mit der Streitschrift von Pastor Walther Conradt, Kirche und Kinematograph. Eine Frage (Berlin: Hermann Walther 1910) setzt die eigentliche Initiative ein, den Kinematographen zu reformieren, d.h. von „Schund und Schmutz“ zu befreien. Eine breite, zumeist polemisch geführte Debatte entspannt sich, die von Pädagogen (Hermann Lemke, Ernst Schultze), Volksbildnern (Hermann Häfker, Adolf Sellmann), Kunsttheoretikern (Konrad Lange), Juristen (Albert Hellwig) und Kirchenvertretern sowie von Bühnenangehörigen getragen wird (letztere sehen im Kino einen unerwünschten Konkurrenten und schließen sich oft deshalb dem Protest an). Sie richtet sich nicht gegen das Kino an sich, sondern gegen das ‚Schundfilm‘-Programm. Schmähschriften wie gut gemeinte Appelle an die Filmindustrie, Charakter und Moral verderbende Werke (u.a. Kriminalfilme, Melo- und Sozialdramen) aus dem Programm zu nehmen und nur noch den „guten“, d.h. jugendfreien und dem Bildungsideal des wilhelminischen Bürgertums entsprechenden Film zu produzieren, entstehen zu Hunderten. Die Autoritäten greifen lokal ein (u.a. in Berlin Polizeizensor Karl Brunner), in Hamburg bildet sich 1912 eine Lehrerkommission, die moralisch unbedenkliche Filme empfiehlt. Bis zur Einführung der zentralen Reichsfilmzensur im Mai 1920 hält sich die Art der Beschäftigung mit dem „Sensationsfilm“.
Die ästhetische Reformbewegung wird vor allem von (Film-)Journalisten oder Kunstinteressierten (Herbert Tannenbaum) begleitet, die sich dem Film als neuer Kunstform nähern. Schriften hierzu finden sich bis über das Ende der Stummfilmzeit hinaus.

Literatur: Thomas Schorr: Die Film- und Kinoreformbewegung und die deutsche Filmwirtschaft. Eine Analyse des Fachblatts ’Der Kinematograph’ 1907-1935 unter pädagogischen und publizistischen Aspekten. Diss. Hochschule der Bundeswehr, München 1990. – Helmut H. Diederichs: Anfänge deutscher Filmkritik. Stuttgart: Verlag Robert Fischer und Uwe Wiedleroither 1986.
 

Referenzen:

Deutscher Ausschuss für Lichtspielreform


Artikel zuletzt geändert am 17.07.2012


Verfasser: SL


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