Lexikon der Filmbegriffe

Kognitive Poetik

engl.: cognitive poetics

Als Kognitive Poetik bezeichnet man eine ganze Reihe poetologischer Ansätze, die meist der Literaturwissenschaft entstammen, die kognitionswissenschaftliche Methoden und Erkenntnisse als Ausgangspunkt ansehen, von dem aus die poetischen und stilistischen Qualitäten von Texten aller Art modelliert werden können – ausgehend von der rezeptionsästhetischen Annahme, dass ästhetische Strukturen und Strategien der Textaneignung eng miteinander verwoben und aufeinander bezogen sind. Obwohl Bezüge zur Rhetorik und zum New Rhetoricism erkennbar sind, wird immer wieder auf Modelle der Kognitionswissenschaften – aus der Psychologie, der theoretischen Informatik, der Modelltheorie sowie der empirischen Erforschung der Sprach-, Bild-, Informations- oder Textverarbeitung – zurückgegriffen, um poetische Strukturen zu erfassen. Es haben sich mehrere recht eigenständige Forschungsfelder herausgebildet:

– Narratologie (narrative Strukturen und Grammatiken, Verstehen und Memorierbarkeit narrativer Texte, Erwerb narrativer Kompetenz etc.), Genreforschung, Schema- und Script-Theorie;
– Thematologie (Analyse stofflicher und thematischer Strukturen, Entfaltung thematischer Netze, assoziative Beziehungen zwischen Teiltexten oder Textelementen etc.);
– Stilistik (semiotische Formen der Metapher, Metonymie, Allegorie, Symbolik usw. und deren medialer Ausdruck); konzeptuelle Metaphorik (nach Lakoff: die Interaktion zwischen Metaphern, gedanklichen Modellen und textuellen Strukturen);
– Stil als historische Kategorie resp. eine historische Poetik, die als Ensemble von Modi filmischer Praxis verstanden ist und die im Film gebunden ist an die Produktionsweisen und -bedingungen, dergestalt die industrielle, ökonomische und technologische Verfasstheit des Films und des Kinos integrierend;
– der Aufbau mentaler Repräsentationen von möglichen Welten (Fiktionen, diegetischen Realitäten) als Wahrnehmungs-, soziale und Wertewelten; Prozesse der Illusionierung;
– die Untersuchung der Immersivität und Emotionalität der Rezeption als basiert auf kognitive Aneignungsoperationen, als Positionierung des Rezipienten zum Text usw. 

Literatur: Brône, Geert / Vandaele, Jeroen (ed.): Cognitive poetics. Goals, gains and gaps. Berlin/New York: Mouton de Gruyter 2009 (Applications of Cognitive Linguistics. 10.). – Gavins, Joanna (ed.): Cognitive poetics in practice. London [...]: Routledge 2003. – Stockwell, Peter: Cognitive poetics. An introduction. Repr. London [...]: Routledge 2007. – Tsur, Reuven: Toward a theory of cognitive poetics. Amsterdam [...]: North-Holland 1992 (North-Holland Linguistic Series. 55.).


Artikel zuletzt geändert am 31.07.2011


Verfasser: HJW


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