Lexikon der Filmbegriffe

Gevaert

1890 eröffnete der erst 22jährige Autodidakt Lieven Gevaert eine eigene Werkstatt in Antwerpen, in der er vor allem Kalzium-Papier für photographische Zwecke herstellte. Schon 1894 erweiterte er das Unternehmen zusammen mit dem Geschäftsmann Armand Seghers und gründete die L. Gevaert & Cie. Das Startkapital umfasste nur 20.000 belgische Franken (entspricht ca. 500 €). Von Beginn an versuchte die kleine Firma international Fuß zu fassen; einen ersten Schritt stellte darum die Übernahme der Pariser Firma Blue Star Papers dar, die ein neues Gelatine-Papier in die Produktpalette einbrachte. Die Papiere waren am Markt äußerst erfolgreich, so dass 1904 ausreichend Kapital vorhanden war, im belgischen Mortsel ein neues, viel größeres Werk zu eröffnen. Hier logiert Gevaert bis heute. Die Beschäftigten wurden schon früh an den Gewinnen der Firma beteiligt – Gevaert gilt darum als eines der ersten Industrieunternehmen, das konsequent mit Partizipationsmodellen der Beschäftigten arbeitete. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, hatte die Firma Niederlassungen in Paris, Wien, Berlin, Mailand, Moskau, London, Buenos Aires und Rio de Janeiro, konkurrierte weltweit mit den anderen großen Firmen, die Photopapiere und Filmmaterialien anboten. 1920 wurde die Gevaert Company of America gegründet (mit einem Grundkapital von 15 Millionen Franken); die bestehende Firma wurde in die N.V. Gevaert Photo-Producten umgewandelt. In Heult (bei Westerlo) wurde 1928 ein weiteres Werk eröffnet, in dem zunächst Nitrozellulose, später Zellulose-Triacetat für die Filmindustrie hergestellt wurde. 1929 wurde ein Röntgenfilm vorgestellt, 1935 ein spezielles Papier für die Dokumentenphotographie. Nachdem noch Ende der 1940er Pläne zur Übernahme Agfas durch Gevaert vorlagen, schloß sich Gevaert 1964 mit dem deutschen Agfa-Konzern zur Agfa-Gevaert AG (Sitz: Leverkusen) / Gevaert-Agfa N.V. (Sitz: Antwerpen) zusammen (mit 60% Besitzanteil Bayer = Agfa), die in dem Chemie-Konglomerat Bayer dem „Sektor IV: Informationssysteme“ bildete; die beiden Teilfirmen blieben aber selbständig, waren nur an die Bayer-AG verpachtet. Erst 1981 übernahm Bayer das Doppel, brachte es 1999 an die Börse. Heute (Stand: 2006) besitzt Gevaert N.V. einen der größten Anteile an der Agfa-Gevaert AG (25%), die aus der Fotopapier- und Rohfilmherstellung praktisch ausgestiegen ist und in drei neue Firmen aufgelöst werden soll.

Literatur: Kadlubek, Günter / Hillebrand, Rudolf: AGFA. Geschichte eines deutschen Weltunternehmens von 1867 bis 1997. Neuss: Rudolf Hillebrand 1998.

Referenzen:

Agfa / Agfa-Gevaert


Artikel zuletzt geändert am 25.01.2012


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