Lexikon der Filmbegriffe

Gewaltdarstellung

Gewalt ist von Beginn der Filmgeschichte an in fast allen Filmgattungen thematisiert worden. Sie ist vor allem als körperlich ausgeführte Gewalt eine der deutlichsten Formen dramatischer Zuspitzung, die zudem dem Visualisierungszwang des Films entgegenkommt (und so ein eigener Gegenstand der Schaulust ist). Entsprechend unterschiedlich sind ihre Einbettungen und Darstellungen: Unzählige Schlägereien im Western, Action- und Abenteuerfilm (wobei manche Martial-Arts-Genres den Kampf in die Nähe sportlich-gymnastischer Aktion setzen); bisweilen fragwürdige Kombinationen von Gewalt und Sexualität in Sex-and-Crime-Geschichten; Darstellungen psychischer Gewalt im Psychothriller; Eskalationen sehr expliziter physischer Gewalt im Splatterfilm und in den Spielarten des torture porn; schmerzhafte Auseinandersetzungen aus der Sicht von Gewaltopfern; die erschreckende Verbindung von Gewalt und Staat; hochästhetisierte und bis zur Groteske gesteigerte Gewalträusche in den Filmen der Postmoderne; etc. Gewalt ist eine der fundamentalen Formen der Beziehungskommunikation; sie dient sowohl in den körperlichen wie den strukturellen Formen der Machtausübung und der Stabilisierung von Machtverhältnissen auf allen Ebenen des Sozialen, von dyadischen Beziehungen bis zur Problematisierung der Leistungsfähigkeit von inner- und zwischenstaatlichen Kontrollorganen. Die Eindämmung der Gewalt ist eine der fundamentalsten Leistungen, die eine Gesellschaft erbringen muss – viele Filme setzen gerade darum die Gewalthaltigkeit der Kommunikation als Anzeichen des Zusammenbrechens aller Formen der Gewaltkontrolle, der innergesellschaftlichen Solidarität, der Kriminalisierung der Beziehungen. In vielen (Film-)Kontexten stehen Gewalt und Gegengewalt in ursächlicher Beziehung (bis zur moralischen Begründung von Gewalt als Mittel des Widerstandes).


Immer wieder sorgte die Gewaltdarstellung für medienkritische, moralische und ethische Kontroversen, letztmals wegen der so genannten torture-porn-Filme. Die fraglichen Punkte sind immer dieselben: Ist es statthaft, die Anwendung physischer und/oder psychischer Gewalt an anderen oder sich selbst zu zeigen? Wenn ja, wie explizit dürfen die Darstellungen sein? Ist eine Zensur von fiktionalen Erzeugnissen legitim? Woher rührt die Faszination an medial vermittelter Gewalt? Wann ist Gewalt bloß Selbstzweck? Nicht zuletzt seit der explosionsartigen Verbreitung des Fernsehens in den 1950er Jahren wird immer wieder versucht, das Verhältnis zwischen medial vermittelter und außerfilmischer Gewalt im Alltag zu bestimmen. Dabei erweist sich die Argumentation jedoch in vielen Fällen als zu kausal und die Diskussionen darüber als polemisch.

Literatur: Kunczik, Michael / Zipfel, Astrid: Gewalt und Medien. Ein Studienhandbuch. 5., völlig überarb. Aufl. Köln [...]: Böhlau 2006. Zuerst 1987. Forschungsbericht. – Symonds, Gwyn: The aesthetics of violence in contemporary media. New York [...]: Continuum 2008. – Trend, David: The myth of media violence. A critical introduction. Malden, Mass. [...]: Blackwell 2007. – Wulff, Hans J.: Die Erzählung der Gewalt. Untersuchungen zu den Konventionen der Darstellung gewalttätiger Interaktion. Münster: MAkS Publikationen 1985. Repr. 1990.

Referenzen:

Gewaltdarstellung: Phänomenologie

Gewaltdarstellung: Zensur

Robespierre-Affekt


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: CA PB MB


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