Lexikon der Filmbegriffe

Grand Guignol

Nach der französischen Kasperlefigur des Guignol benanntes schwarzes Boulevardtheater in Paris. Das Guignol-Theater spielte seit dem 18. Jahrhundert makabre Stoffe – Stücke über grausame Morde, Geister, mordlustige Frauen, brutale Täter- und hilflose Opferfiguren und dergleichen mehr –, die den Schauer- und der Horrorgenres zugehörten. Die Sensationsberichterstattung um die Jack-the-Ripper-Morde deutete eine Popularisierung des Makabren an, die in der Gründung des 300-Sitzplätze großen Théâtre du Grand Guignol in der Rue Chaptal in Paris 1898 ihr Echo fand: Das Theater wurde schnell für seine kurzen, aber tief schockierenden Aufführungen bekannt. Die Bühnentricks, mit denen die meist blutigen Effekte an den Leibern der Schauspieler erzeugt wurden, wurden über Jahrzehnte verbessert. Für einige hielt das Theater sogar die Patente. Nach den großen Anfangserfolgen hatte sich schon um 1920 ein deutliches Nachlassen des Publikumsinteresses gezeigt. Bis zu seiner endgültigen Schließung (1962) konnte das Grand-Guignol-Theater an die große Popularität des Jahrhundertanfangs nicht mehr anknüpfen.
Oft ist darauf hingewiesen worden, dass insbesondere neuere Horror- und Splatterfilme tricktechnisch und stofflich an die Darstellungstraditionen des Grand Guignol anknüpften und dass auch die Dramaturgie, Entsetzen und Gelächter in einem grotesk-makabren Spiel zu verschmelzen, hier ihre Wurzeln hätte. Tatsächlich ist die Ästhetik des Guignol-Theaters von D.W. Griffiths On The Telephone (1909) bis zu Neil Jordans Interview With The Vampire: The Vampire Chronicles (1994) spürbar.

Literatur: Mel Gordon: The Grand Guignol: Theatre of fear and terror. New York: Da Capo Press 1998. Zuerst 1988. – Richard J. Hand / Michael Wilson: Grand-Guignol. The French theatre of horror. Exeter, Devon: University of Exeter Press 2002. – Karin Kersten (Hrsg.): Grand Guignol. Das Vergnügen, tausend Tode zu sterben: Frankreichs blutiges Theater. Berlin: Wagenbach 1976.


Artikel zuletzt geändert am 01.08.2011


Verfasser: HJW


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