Lexikon der Filmbegriffe

Girlkultur

Die Urbanisierung der deutschen Populärkultur der 1920er Jahre fand in der Girlkultur Berlins seinen Kulminationspunkt. Insbesondere die Revuegirls wurden zu einer Ikone der neuen Massenkultur, die zugleich eine eigentümliche Mischung deutscher Ängste und Phantasien und amerikanischer Moden (oder was man dafür hielt) anzeigte. Der Film war neben den Revuen der großen Revuetheater das wichtigste Medium, in dem sich der neue Frauentypus manifestierte.
Die Frauen, die die Girlkultur zugerechnet wurden, galten als modern, freidenkerisch, selbstbestimmt; in Sonderheit der Umgang mit Sexualität galt als „sapphisch“, geöffnet zu Lesbianismus und Bisexualität. Marlene Dietrich, die von „Lola“ sang, galt als eine der Figuren, die die Unfeststellbarkeit dieser neuen Frauenrolle verkörperten, ebenso charmant und faszinierend wie alarmierend. Die amerikanische Schauspielerin Louise Brooks wurde die vielleicht prägnanteste Inkarnation des Girl-Typus, amoralisch, selbstsicher, außerhalb der Konventionen des bürgerlichen Lebens, die Herzen von Gräfinnen und Industriellen gleichermaßen brechend.
So faszinierend die Girlkultur für Film und Unterhaltungsindustrie war, so sehr war das Girl für die Vertreter einer traditionellen Kultur und Geschlechterordnung auch eine Ikone des kulturellen Verfalls, Symbol für eine allgemeine Abkehr von den Werten der deutschen Kultur, gar für eine Wende zu einem „Kulturfeminismus“. Die Girlkultur konnte so zu einem Topos werden, an dem sich ein umfassender Diskurs über Modernisierung, Urbanisierung und Amerikanisierung entfaltete. Schon früh meldete sich auch eine ästhetisch-formale Kritik an den Inszenierungen der großen Revuen an; der Kulturphilosoph Fritz Giese etwa sprach von „Girlmaschinen“, ja sogar von einer „Girltechnik“, in der die Frauen zu barem Material würden, das sich dem anonymen Maschinenrhythmus der Großstädte und der industriellen Produktion unterordne – eine Argumentation, die an die Kategorien der Ornamentalität erinnert, mit denen Kracauer die Filmproduktion der 1920er zu durchdringen suchte.

Literatur: Giese, Fritz: Girlkultur. Vergleiche zwischen amerikanischen und europäischem Rhythmus und Lebensgefühl. München: Delphin 1925. – Berghaus, Günter: Girlkultur. Feminism, Americanism, and Popular Entertainment in Weimar Germany. In: Journal of Design History, 1, 1988, S. 193-219. – Thurner, Manuela Andrea: Girlkultur and Kulturfeminismus: Gender and Americanism in Weimar Germany, 1918-1933. Ph.D. Thesis, American Studies, Yale University 1999.


Artikel zuletzt geändert am 01.08.2011


Verfasser: HJW


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