Lexikon der Filmbegriffe

Group Dziga Vertov

1967 wertete Jean-Luc Godard, der in seinen Filmen immer politische Themen behandelt hatte, seine Filmarbeit und stellte sie ganz in den Dienst des Klassenkampfes. La Chinoise (1967) wurde der erste Film dieser Ausrichtung, der maoistische politische Programme zu propagieren suchte und die Unruhen des Mai 1968 ankündigte. Mit dem Polit-Aktivisten Jean-Pierre Gorin gründete Godard 1968 die Group Dziga Vertov (nach Dziga Vertov, dem russischen „Erfinder des cinéma vérité“ nach Selbstaussage der Gruppe, der neben Godard und Gorrin noch Jean-Henri Roger, Paul Burron und Gérard Martin angehörten). Film wurde nun zu einer revolutionären Methode erklärt, die Widersprüche des kapitalistischen Systems bewusst zu machen und die Notwendigkeit einer Veränderung (Revolution) zu unterstreichen. Die Filme der Gruppe wurden als 16mm-Filme realisiert, dem Format der Dokumentarfilmer und des Fernsehens (1975 begann Godard im Rahmen des Projekts Numero 2 sogar Video als Produktionsmedium auszukundschaften). Der Anspruch bestand in einem radikalen Dokumentarismus (im Sinne eines cinéma militant) mit Bezügen zum Direct Cinema und zum britischen Dokumentarfilm des Free Cinema. Nach dem polit-didaktischen Film Le Gai savoir (1968) wurden die Filme als Filme der Gruppe ausgewiesen – eine klare Absage an das in der Nouvelle Vague so zentrale Prinzip der Autorenschaft, das als Ausdrucksform einer bourgeoisen Kunstauffassung angesehen war.
Die Filme der Gruppe waren oft durch ausländische Fernsehanstalten finanziert und thematisierten internationale Revolutionsproblematiken (wie etwa Lotte in Italia, 1971, von einer italienischen Revolutionärin erzählte, die von der bürgerlichen Ideologie verführt worden war, wie Jusqu'à la victoire, 1970, über den palästinensischen Widerstand oder wie Vladimir et Rosa, 1970, der den Prozess gegen die ‚Chicago Eight‘ als Allegorie auf die französische Gesellschaft auslegte). Tout va bien (1972, über Produktionsverhältnisse in der Industrie und in den Medien) und Letter to Jane: An Investigation About a Still (1972, ein einstündiger Essay über die Kriegsphotographie in Vietnam) waren die wohl bekanntesten Filme der Gruppe. Der weitgehende Verzicht auf narrative Strukturen wurde durch den Übergang auf essayistische Strategien der Darstellung ausgeglichen. Ici et ailleurs (1976) – ein Vergleich einer französischen und einer palästinensischen Familie – bildete den letzten bekanntgewordenen Film der Gruppe.

Literatur: Almeida, Jane de (ed.): Opening cans of Campbell's soup, Grupo Dziga Vertov. São Paulo: Witz edições 2005. – Lesage, Julia: Godard and Gorin's left politics, 1967-1972. In: Jump Cut, 28, April 1983, Sp. 51-58. – McBean, James Roy: Godard and the Dziga Vertov Group. Film and Dialectics. In: Film Quarterly 26,1, 1972, S. 30-44. – Sarris, Andrew: Godard and the Revolution. In: The Village Voice, 30.4.1970.


Artikel zuletzt geändert am 01.08.2011


Verfasser: HHM


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