Lexikon der Filmbegriffe

Groupe des 5

1968 wurde in Genf in der französischsprachigen Schweiz die sogenannte Groupe de Cinq (die „Gruppe der fünf“) mit den Regisseuren Alain Tanner, Jean-Louis Roy, Jean-Jacques Lagrange (1971 nahm Yves Yersin seinen Platz ein), Claude Goretta und Michel Soutter gegründet, die als eine Art „Nouvelle vague“ des Schweizer Films wahrgenommen wurden. In Koproduktion mit der TSR (Télévision Swiss Romande) wurden eine ganze Reihe von Filmen produzierte, die zunächst im Kino und dann, nach einem Jahr „Schonfrist“, auch im Schweizer Fernsehen gezeigt wurden. Die Low-Budget-Filme der Gruppe waren in aller Regel realistisch-sozialkritisch. Zu ihnen rechnen Alain Tanners Aussteigergeschichte Charles mort ou vif (1969) über einen Uhrenfabrikanten, Tanners Identitätsdrama  La Salamandre (1971) und vor allem sein Jonas qui aura 25 ans en l'an 2000 (1976) über ein Nach-1968er Kollektiv, der episodal lockere Les Arpenteurs (1971) von Michel Soutter, Yersins Les Petites Fugues (1979) über eine Alters-Emanzipation, Gorettas La Dentellière (1977) über eine amour fou und die stumme, auf sich selbst richtende Verzweiflung einer jungen Frau – die meist langsam erzählten Filme haben durchwegs Helden, die in Sinn-Krisen stecken, die aus den Routinen und Zwängen bürgerlichen Alltags aussteigen und nach eigenen Sinn-Horizonten suchen. Die Filme genossen in ihrer Zeit große Sympathien, z.T., weil die Helden einer nur diffus-politischen Protesthaltung folgten, weil die Geschichten sich oft gegen die „großen“ narrativen Bögen sperrten, stattdessen ihr Zentrum in episodalen Strukturen fanden. Zudem entstammten die Helden den verschiedenen Emanzipationsbewegungen der Zeit. Geradezu hellsichtig ist Gorettas Pas si méchant que ça(1974), der die Geschichte eines Möbeltischlers erzählt, der nicht mehr genug Aufträge bekommt und Banken ausraubt, um seine Leute zu bezahlen; eine Postbeamtin, die ihn bei einem Überfall erkannt hatte, solidarisiert sich mit ihm. So finden auch die seit den 1970ern andauernden Strukturveränderungen im Handwerk ein künstlerisches Echo.

Literatur: Film in der Schweiz. München [...]: Hanser 1978. (Reihe Film;17). – Gersch, Wolfgang: Schweizer Kinofahrten. Begegnungen mit dem neuen Schweizer Film. München [...]: Hanser 1984, S. 44-60. – Monaco, James: "Au milieu du monde": Alain Tanner and Swiss film. In: Movietone News, 51, Aug. 1976, S. 30-33.

Referenzen:

Neuer Schweizerfilm


Artikel zuletzt geändert am 01.08.2011


Verfasser: AS


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