Lexikon der Filmbegriffe

Found Footage Film

Filme oder Teile von Filmen, die aus found footage, aus gefundenem Material bestehen, das von anderen FilmemacherInnen in anderen Zusammenhängen gedreht wurde und aus allen erdenklichen Quellen bezogen wird: Archivbilder, Filmabfälle und -reste, Amateurfilme, Home Movies etc. In jedem Fall stammen die Bilder ursprünglich aus anderen Kontexten und erreichen durch die Integrierung in neues Filmmaterial neue Bedeutung. Vor allem der Experimentalfilm arbeitet mit Found Footage, wobei die formal-ästhetische Beschaffenheit des gefundenen Materials im Vordergrund steht und weniger dessen inhaltliche Seite wie im Kompilationsfilm – auch er arbeitet mit Found Footage, also Material, das für andere Zwecke entstand.
Erste Formen des Found-Footage-Films entstanden als Collage-Filme; Rose Hobart (USA 1936,  Joseph Cornell) etwa arrangierte Aufnahmen aus dem Film East of Borneo (1931), in dem Rose Hobart eine Hauptrolle spielte, so, als solle die Schauspielerin geehrt werden. Den eigentlichen Beginn der Nutzung von Found Footage aber markiert Bruce Conner‘s A Movie (USA 1958), der fast ausschließlich ephemeres Material in einer komplexen dialektischen Montage neu arrangiert und dadurch Tiefenbedeutungen, die in den Aufnahmen verborgen sind, greifbar zu machen. Eine berühmte Sequenz zeigt etwa einen U-Boot-Kapitän, der durch sein Periskop knapp bekleidete junge Frauen sieht und mit dem Abschuss eines Torpedos darauf reagiert, der wiederum zu einer Atombomenexplosion führt. Andere Experimentalfilmer wie Ernie Gehr, Ken Jacobs oder auch der Österreicher Martin Arnold suchten das vorgefundene Material vor allem mit Mitteln der Verlangsamung (durch Stehkopierung), durch Wiederholung und Variation zu erkunden. Matthias Müllers Home Stories (BRD 1990) zeigt eine lange Reihe gefundener Szenen, in denen Frauen allein zu Hause sind – und er betreibt auf diese Weise eine Art „Motiverkundung“ des Hollywoodfilms, dem das Material entstammt. Ein Film wie Lyrisch Nitraat (Niederlande 1991, Peter Delpeut), der ausschließlich aus den verfallenden und sich auflösenden Beständen an Filmen der frühen Stummfilmzeit komponiert ist, bedauert und feiert den Zerfall der Filmbilder gleichzeitig.   
Found Footage ist darüber hinaus auch mehrfach in Spielfilme integriert worden. Ein Beispiel ist Stuart Coopers Overlord (Großbritannien 1983), der Militär-Aufnahmen aus dem Imperial War Museum in die Geschichte eines jungen Soldaten bei der Invasion in der Normandie integriert. Auch im Musikvideo (wie etwa in Paul Hardcastles Nineteen, Großbritannien 1985, der Aufnahmen aus einer Fernsehreportage – Vietnam Requiem, USA 1982, über Soldaten im Vietnamkrieg – als Unterbilderung eines Popsongs rezykliert).

Beispiele: Scorpio Rising (USA 1964, Kenneth Anger); Murder Psalm (USA 1980, Stan Brakhage); All You Can Eat (BRD 1993, Michael Brynntrup).

DVD: Recycling Film History. Found Footage Filme. Wien: Hoanzl 2006 (Der österreichische Film: Edition der Standard. 11.). Österr. Beispiele von 1992-2006.

Literatur: Hausheer, Cecilia / Settel, Christoph (Hrsg.): Found Footage Film. Luzern: VIPER / Zyklop Vlg. 1992. – Wees, William Charles: Recycled images. The art and politics of found footage films. New York City: Anthology Film Archives 1993.

Referenzen:

Collagefilm

Materialfilm

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Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: AS PB


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