Lexikon der Filmbegriffe

Free Flow of Information

dt. meist: Informationsfreiheit, manchmal (und irreführenderweise): Medienfreiheit

Zwar sind sowohl die technischen wie die kommunikativen Netzwerke der Kommunikation vor allem unter dem Vorzeichen handfester ökonomischer oder machtpolitischer Interessen zustande gekommen, doch ist die Entgrenzung der Kommunikation und die Option für den einzelnen, sich umfassend informieren zu können, schon früh als emanzipatorische Bedingung und als sozialutopische Vision ausgewiesen worden. Während des 2. Weltkrieges kommt es zur Brechung der britischen Vorherrschaft über die weltweiten Datenflüsse (durch Kontrolle der Seekabel, durch Agenturen und durch die administrativen und kommerziellen Gegebenheiten hatte die Vormachtstellung nahezu ein Jahrhundert überlebt) – unter dem kämpferischen Vorzeichen der Politik des Free Flow. Für die Durchsetzung war die UNESCO wichtig, die den Free Flow und den Kampf gegen Kontrolle und jegliche Zensur von Nachrichten nach dem Krieg zu einem ihrer Hauptanliegen machte. Als die UNO die Informationsfreiheit zu einem fundamentalen Menschenrecht und zu einem Maßstab für alle anderen Freiheiten machte (1948), wurde die amerikanische Vorherrschaft im weltweiten Nachrichten- und Meinungshandel begründet. Unterstützt von den Europäern, die die kommunistischen Einflüsse im Weltnachrichtensystem einzudämmen suchten, investierten amerikanische Konzerne und Behörden große Summen in den Ausbau neuer Informationstechnologien (Fernsehen, Satellitenkommunikation, das Internet), die zu monopolartiger Vorherrschaft der Amerikaner auf dem Informationsmarkt führte. Die kulturelle Selbstbestimmung der Nationen geriet in Gefahr, man sprach von einem zunehmenden US-Kulturimperialismus.
Die Kontroverse hat sich seitdem kaum bewegt. 1970 vollzog die UNESCO zwar eine Kehrtwendung ihrer Politik: Auf Initiative der Sowjetunion erklärt sie das Prinzip der Nichteinmischung sowie das Recht auf nationale Souveränität mit dem Recht einer jeden Person, Informationen zu suchen, zu erhalten oder zu verbreiten, für vereinbar. Zudem sicherte sie Nationen das Recht zu, unerwünschte Nachrichten von ihren Territorien fernzuhalten. Auf einer KSZE-Konferenz 1973 attackierte aber der finnische Präsident Urho Kekkonen diese Politik des Free Flow of Information mit einer Generalkritik, nach der ein „freier“ Nachrichtenverkehr dazu führe, die nationalen kulturellen und religiösen Wertvorstellungen der ökonomischen und ideologischen Dominanz im Nachrichtenhandel unterzuordnen, was nur zu neuen monopolartigen resp. hegemonialen Strukturen im Informationsmarkt führe. Studien seit den 1950ern und 1960ern belegen tatsächlich, dass der vorgeblich „freie Informationsfluss“ nur vom „reichen Norden“ in den „armen Süden“ fließt. Die Entwicklungsländer wollten darum die Machtverhältnisse tiefgreifend verändern, um den „freien“ zu einem „ausgewogenen Informationsfluss“ (balanced flow of information) zu machen (1976). Die Diskussion darüber hält bis heute an.

Literatur: Bohrmann, Hans (Hrsg.): Informationsfreiheit. München: Ölschläger 1979. – Hofmann, Rainer [...]: Information, Medien und Demokratie. Ein europäischer Rechtsvergleich. Wien: Vlg. Österreich, Österreichische Staatsdruckerei 1997. – Schiller, Herbert I.: Communication and cultural domination. White Plains, NY: International Arts and Sciences Press 1976. – Schiller, Herbert I.: Die Verteilung des Wissens. Information im Zeitalter der grossen Konzerne. Frankfurt/New York: Campus 1984. - Weber, Karsten: Das Recht auf Informationszugang. Begründungsmuster der politischen Philosophie für informationelle Grundversorgung und Eingriffsfreiheit. Berlin: Frank und Timme 2005.

Referenzen:

Medienfreiheit


Artikel zuletzt geändert am 29.01.2012


Verfasser: HHM


Zurück