Lexikon der Filmbegriffe

Fliegen im Film

Der alte Traum vom vogelfluggleichen Fliegen, der sich bereits im Ikarus-Mythos der griechischen Antike etabliert hat und von den Gebrüdern Wright 1903 zum ersten Mal technisch verwirklicht wurde, hat zahlreiche Facetten – Fliegen kann ebenso als Zustand der Entgrenzung und Bindungslosigkeit, ja der zeitweiligen Realitätsaufhebung wie aber auch als extreme Belastungs- oder Riskoerfahrung, als technische Leistung oder als Spiel- resp. Extremsporterfahrung dramatisiert werden. Edgar Reitz‘ Der Schneider von Ulm (BRD 1978) erzählt von dem besessenen Bastler Albrecht Berblinger, der schließlich beim Versuch, die Donau zu überfliegen, scheitert. An seiner Figur wie an kaum einer zweiten zeigt sich das Fliegen als romantisches Symbol einer Freiheitsidee, der Vorstellung, sich fliegend sich loszulösen aus allen sozialen und sonstigen Zwängen. Das Utopische liegt im Fliegen selbst, nicht im Ankommen, auch nicht in den Funktionen des Fliegens. Das Fliegen ist so inszeniert als Flow-Erlebnis, das seine Erfüllung in sich selbst findet. Darum sind so viele Fliegerfiguren des Films oft jugendlich-pubertierende Risikosucher und Abenteurer, die das Fliegen gewissermaßen als Extremsportart betreiben und darin Todesnähe, Angstlust und einen meist auch sexuell belegten thrill suchen.

Literatur: Asendorf, Christoph: Super Constellation. Flugzeug und Raumrevolution. Die Wirkung der Luftfahrt auf Kunst und Kultur der Moderne. Wien/New York: Springer 1997. – Ingold, Felix Philipp: Literatur und Aviatik. Europäische Flugdichtung 1909-1927. Frankfurt: Suhrkamp 1980.


Artikel zuletzt geändert am 02.08.2011


Verfasser: HJW


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