Lexikon der Filmbegriffe

cinéma du corps

französisch für: Kino des Körpers / über den Körper

Der Ausdruck beschreibt ein überschaubares Corpus seit den späten 1990er Jahren entstandener französischer Filme, das – meistens scheiternde – Modelle beschreibt, ein Bewusstsein vom eigenen und vom fremden Körper dadurch zu erlangen, dass zwischenmenschliche Distanz durch Grenzüberschreitungen (brutale Intimität / intime Brutalität) zu überwinden gesucht wird. Dabei kann sich der Impuls auf den eigenen Körper richten, indem Emotionen durch Selbstverletzung, ja Selbstzerstörung hervorgerufen werden, oder der Körper des anderen wird animalisch auf den eigenen bezogen, interpersonale Grenzen dabei ‚verletzt‘. Die psychoanalytisch bekannte Verknüpfung zwischen Eros und Thanatos, zwischen Liebe, Sex und Todessehnsucht (mit dem Orgasmus als ‚petit mort‘) wird in Formen kannibalistischer Begierde und Lust, als Verzehren und Sich-Verzehren, verzehrende Liebe bis hin zur Selbstopferung vorgeführt.
Beispiele derartigen filmischen Ausdrucks von Ästhetisierung, aber auch Fetischisierung von Körperbewusstseins bieten: Regarde la Mer (Blicke aufs Meer, 1997, François Ozon); Romance (1998, Catherine Breillat); Sombre (Dunkle Triebe, 1998, Philippe Grandrieux); Beau Travail (1999, Claire Denis); Baise-moi (Fick' mich!, 2000, Virginie Despentes & Coralie Trinh Thi); Trouble Every Day (2001, Claire Denis); Intimacy (2001, Patrice Chéreau); Dans ma Peau (aka: In my Skin, 2002, Marina de Van); Demonlover (2002, Olivier Assayas); Irréversible (Irreversibel, 2002, Gaspar Noé) und Twentynine Palms (2003, Bruno Dumont)
Diese Filme lassen sich letztlich als Visualisierungsversuche eines Diktums des phänomenologischen Philosophen Merleau-Ponty begreifen: „Was man zu besitzen sucht, ist also nicht ein Körper, sondern ein von Bewußtsein beseelter Leib“.

Literatur: Beugnet, Martine: Cinema and sensation: French film and the art of transgression. Edinburgh: Edinburgh University Press 2007. – Palmer, Tim: Under your skin: Marina de Van and the contemporary French 'cinéma du corps'. In: Studies in French Cinema 6,3, 2006, S. 171-181.

Referenzen:

cinema of the senses


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: LK


Zurück