Lexikon der Filmbegriffe

cinéma brut II: andere Entwürfe

frz., wörtl. etwa: = rohe Filmkust

(1) Gelegentlich trifft man Versuche an, das ursprünglich mit der Poetik Artauds verbundene ‚cinéma brut‘ auf Filme mit antifeministischen Tendenzen und expliziter Ausstellung von Brutalität und Gewalt gegen Frauen einzuengen; sie berufen sich auf eine feststellbare Misogynität des schizophrenen Dichters, verschieben aber den Fokus von Artaud fort und eröffnen damit ein eigenes Genre.
(2) Im Rahmen ihrer Untersuchungen zur filmischen Aventgarde plädiert die österreichische Filmhistorikerin Gabriele Jutz für ein verändertes Verständnis von cinéma brut, das sie an den Begriff des informe (des ‚Formlosen‘ bzw. des ‚Formlos-Werdens‘) bei George Bataille angeschlossen wissen möchte. Bataille spricht diesem Begriff keine Definition zu, sondern versteht ihn rein performativ, insofern als bestehende Ordnungen immer wieder zerstört und neue Potentiale gefunden und schöpferisch genutzt werden sollen. Die (bereits bei Artaud angedachte und auch von Jutz nicht geleugnete) Körperlichkeit des Cinéma brut meint dann nicht die Materialität des Trägermaterials und auch nicht die Semantisierung solchen Materials (etwa zu politischen Zwecken), vielmehr ist der Herstellungsprozess des Films selbst angesprochen: „Das Cinéma Brut mag zwar eine unmittelbare Wirkung auf den Körper des Publikums ausüben, definiert wird es jedoch durch seinen Herstellungsprozess, der sowohl den Körper des Künstlers/der Künstlerin als auch den materialen Filmkörper involviert“ (Jutz, Beitrag zu: Word and Flesh: Cinema between Text and the Body. 12. International Bremen Film Conference. January 18-21, 2007, Program).
Auf dieser Grundlage untersucht Jutz drei „filmkünstlerische Praktiken“, die prinzipiell auch ohne Kamera denkbar sind: (1) Direct Film (wozu auch der kameralose Film und der Handmade Film zählen), (2) Expanded Cinema-Aktion und (3) Found Footage-Film. Als tentatives Belegmaterial nennt sie ein Korpus von neun Avantgarde-Kurzfilmen von 2-14min Länge, die zwischen 1957 und 1989 entstanden sind, darunter Len Lyes Free Radicals (Großbritannien 1957), Peter Tscherkasskys L’Arrivée (1998), Kurt Krens 3/60 Bäume im Herbst (1960) und Bruce Conners Marilyn Times Five (USA 1968-1973).


Artikel zuletzt geändert am 02.08.2011


Verfasser: LK


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