Lexikon der Filmbegriffe

Charro

Der charro ist eine folkloristische Figur aus Jalisco und Hidalgo (zwei Regionen Mexikos), die in den 1920er Jahren zu einem nationalen Symbol Mexikos wurde. Sowohl vom Habitus als auch von der nationalkulturellen Bedeutung ist der charro mit dem Cowboy vergleichbar; ein anderer mexikanischer Terminus war vaquero; in Südamerika sprach man vom gaucho. Die Figur tauchte zum ersten Mal im späten 19. Jahrhundert in der mexikanischen Musikszene – dem Orquesta típica resp. des Mariachi-Orchesters – auf; ihr äußeres Kennzeichen war die Festtagstracht der Charros, der mexikanischen ländlichen Elite zu Pferd: bestickter Filzsombrero mit hohem Becher und großem Durchmesser, enge Hosen mit einer Doppelreihe von durch Kettchen verbundenen Silberknöpfen an den Seitennähten, kurzes Jäckchen und Stiefel mit Silberbeschlägen. Von größter Popularität wurde der charro als Genrefigur des mexikanischen Western seit 1936, als Allá en el Rancho Grande (Fernando de Fuentes) ein überraschender Kinoerfolg wurde. Jorge Negrete (der „singende Charro“), der Musiker Mariachi Vargas (der in den 1940ern und 1950ern in annähernd 200 Filmen spielte) und der Schauspieler Pedro Infante wurden zu mexikanischen Genrestars. Der Charro-Film verlor anfangs der 1960er seine Popularität, die Produktion ging zurück.
Der Charro-Film ist eine mexikanische Anverwandlung des sich ungefähr gleichzeitig entwickelnden klassischen Western der Hollywood-Zeit, entwickelte sich aber vor allem als Musical oder Singspiel weiter (und wurde dann comedia ranchero genannt); er ist durch die Mischung von vier Elementen gekennzeichnet: Komödie, Tragödie, populäre Musik, folkloristische oder nationale Themen.  Er enthält dabei ausgeprägte Genre-Elemente des Hollywood-Western (wie z.B. in Raoúl de Andas El Charro Negro, 1940, der gleich drei Sequels hatte); als historischer Hintergrund dient immer wieder die mexikanische Revolution.
Auch das Hollywood-Kino adaptierte die Figur des Charro; so verkleidete sich sogar einmal Elvis Presley als Mexikaner (in Charro!, 1969, Charles Marquis Warren). Allerdings wird hier die Charro-Tracht oft als Ausdruck einer Traditionskultur behauptet, die zwar stolz und ehrenhaft ist, die aber den Modernisierungen des Westens oft hilflos gegenübersteht. Im Italo-Western wird die Charro-Tracht zur Kennzeichnung der repressiven Herren-Gestalten der feudalen Oberschicht verwendet, also gerade in Umkehrung der Bedeutungshorizonte, die sie im klassischen Charro-Film anzeigte.

Literatur: Mora, Carl J.: Mexican Cinema: Reflections of a Society, 1896–1988. Berkeley: University of California Press 1989. 3rd ed. 2005. Bes. 52-103. – Paranaguá, Paulo Antonio: Mexican Cinema. London: British Film Institute 1995.

Referenzen:

comedia ranchera


Artikel zuletzt geändert am 17.01.2012


Verfasser: AS


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