Lexikon der Filmbegriffe

close reading

dt. in etwa äquivalent: werkimmanente Interpretation

Die detaillierte Untersuchung der Worte, der Kriterien der Wortwahl, der syntaktischen Verbindungen und der semantischen Vieldeutigkeiten eines literarischen Textes sei der Kern der wissenschaftlichen Analyse literarischer Texte, nicht die Untersuchung der Beziehungen von Texten zu außertextuellen Bezügen wie biografischen, zeitgeschichtlichen oder ideologischen Kontexten – der amerikanische Literaturtheoretiker bezeichnete diese Technik 1937 in seinem Essay „Criticism, Inc.“ als close reading und benannte damit ein Kernstück des amerikanischen New Criticism. Damit ist bis heute einer der Ausgangspunkte literaturwissenschaftlicher Textbeschreibung benannt, der gerade darum massiv attackiert wurde. Gerade der Annahme einer Universalität des close reading wurde vorgeworfen, sie würden Texte aller Art zu rein semiotischen Strukturgebilden absenken und von der sozialen Bedeutung der Texte radikal abstrahieren.
Die Diskussionen um den Stellenwert des close reading im Gefüge der Analysemethoden ist in den Debatten, die die neoformalistische Filmanalyse angestoßen hat, neu aufgelebt. Sie interessiert sich nach Bekunden ihrer wichtigsten Vertreter nicht für die historisch-gesellschaftlichen Kontexte des künstlerischen Werks und der künstlerischen Praxis, sondern für die Entwicklungsdynamiken und Bedeutungspotentiale der künstlerischen Formen. Die Poetizität filmischer Ausdrucksformen manifestiert sich als eigentlicher Gegenstand der Beschreibung in formalen Strukturen, nicht in inhaltlichen Bezügen. David Bordwells – vor allem in seinem Buch Making Meaning vorgetragene – Gliederung einer Semantik des filmischen Textes, in der vier verschiedene Bedeutungsbeziehungen angenommen werden, die in einem jeweiligen Film gleichzeitig, wenn auch wohl in verschiedener Gewichtung, in Geltung stehen und die vom Zuschauer entsprechend im Rezeptions- und Interpretationsprozess aktualisiert werden, ist wohl als Antwort auf den Vorwurf eines allzu blinden Festhaltens an den Beschränkungen des close reading anzusehen. Er unterscheidet (1) die referential meaning, die alle unmittelbar auf die vorfilmische materielle Wirklichkeit verweisenden Aspekte des filmischen Bildes, des Tons usw. betrifft; (2) die explicit meaning, die alles bezeichnet, was im Film auch mittels konventioneller Symbole ausgesagt ist; (3) die Ebene der implicit meaning, die alle thematischen Strukturen, alle Probleme, von denen die Rede ist („issues of question“), aber auch Register des Textes wie die Ironie umfasst; (4) und schließlich die symptomatic meaning, die eine Bedeutungsrelation sein soll, die auf solche Bezugsbereiche verweist, die dem Werk extern sind – das Werk als individueller Ausdruck eines Autors, als Hinweis auf soziale Prozesse und Dynamiken, als „verborgene Bedeutung“ usw. Auch wenn außer Frage stehe, dass Filme „von etwas“ handeln, so sei es aber dennoch die Aufgabe der filmwissenschaftlichen Beschreibung zu bestimmen, in welcher Art und Weise von diesen Gegenständen die Rede ist. Es geht um „besondere“ und „konkrete“ Eigenschaften des filmischen Repräsentationsapparates, die einer Analyse der sozialen, ideologischen und politischen Funktionen des Massenmediums Film vorzuziehen seien. 

Literatur: Ransom, John Crowe: Criticism, Inc. In: The Norton Anthology of Theory and Criticism. Ed. by Vincent B. Leitch. New York: W.W. Norton 2001, S. 1108-1118. Zuerst in Ransoms The World's Body. New York: Scribner's 1938, S. 327-50. – Bordwell, David: Making Meaning. Inference and Rhetoric in the Interpretation of Cinema. Cambridge, Mass.: Harvard University Press 1989. – Nichols, Bill: Form Wars. The Political Unconscious of Formalist Theory. In: South Atlantic Quarterly 88,2, 1989, S. 487-515.


Artikel zuletzt geändert am 03.08.2011


Verfasser: HJW BH


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