Lexikon der Filmbegriffe

crime drama

gelegentlich eingeschränkt auf investigative Filme aus der Sicht der Ermittler; gelegentlich spezifiziert, wenn es sich um die Dramatisierung realer Biografien oder Figuren handelt, als true crime drama; auch im Dt. oft: Crime Drama

Amerikanische Bezeichnung für Filme, die das Leben, die Handlungen und die sozialen und moralischen Dilemmata von Kriminellen behandeln. Derartige Filme zeichnen ein ernsthaftes, erkennbar realistisches Bild der kriminellen Milieus. Oft sind sie als doppelte Anklage vorgetragen: als Vorwurf an die Gesellschaft, kriminogene Lebensverhältnisse zuzulassen, und als moralische Geschichten, die zeigen, dass sich Verbrechen nicht auszahlt. Im Zentrum stehen komplexe Charaktere, Formen der Charakterentwicklung, narrative Strukturen, die die partielle Handlungsunfähigkeit resp. die Zwanghaftigkeit der Handlungen ihrer Akteure thematisieren. Gewalt wird zu einem Indikator einer spezifischen sozialen Umwelt, individuelle oder soziopathische Motive der Gewaltanwendung treten dagegen zurück. In vielen der Filme suchen die Protagonisten selbst einen Weg aus der Kriminalität, der ihnen aber fatalerweise verstellt ist – sie sind Gefangene ihrer fast immer städtischen Umgebungen.
Viele crime dramas sind Gangsterfilme. Doch anders als in diesen wird der Täter nicht aus sich heraus (als „krimineller Charakter“) erklärt, er ist auch kein latent heroischer Typ, der sich gegen eine allgemeine Repressivität auflehnt. Manchmal (wie in Once Upon a Time in America, 1984, Sergio Leone, oder Goodfellas, 1990, Martin Scorsese) fangen crime dramas wie Gangsterfilme an, verlieren dann aber an Tempo, beginnen, das Milieu genauer in Augenschein zu nehmen, schildern oft den biografischen Weg und die Ungerechtigkeiten, Verletzungen und Zurücksetzungen, der die Figuren zu dem machte, was sie im Moment der Handlung sind. Eine ganze Reihe von Filmen, die diesem Muster folgten, entstand während der Nachkriegszeit (darunter: The Killers, 1946, Robert Siodmak; Out of the Past, 1947, Jacques Tourneur; They Live by Night, 1948, Nicholas Ray). Spätere Filme gehören fast immer einer sozialkritischen Tendenz zu und kritisieren die Lebensverhältnisse in einem individualisierten Amerika, in dem die sozialen Bindungen zusammengebrochen und die Wertorientierungen zu rein ökonomischen Bezügen degeneriert sind (In Cold Blood, 1967, Richard Brooks; Dog Day Afternoon, 1975, Sidney Lumet; The Killing of a Chinese Bookie, 1976, John Cassavetes). Auch wenn die Nebengattung größtenteils ins Fernsehen verlagert ist, gehören noch Produktionen wie American Gangster (2007, Ridley Scott) oder auch Knallhart (BRD 2006, Detlev Buck) erkennbar dem crime drama zu. 

Literatur: Sumser, John: Morality and social order in television crime drama. Jefferson, NC: McFarland 1996. – Sparks, Richard: Television and the drama of crime. Moral tales and the place of crime in public life. Buckingham [...]: Open University Press 1992.


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: HHM


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