Lexikon der Filmbegriffe

Duelle im Film

Duelle gehören zu den Ritualisierungsformen der Konfliktaustragung in meist ausschließlich von Männern gebildeten Gemeinschaften. Ihren Hintergrund bildet ein jeweiliger Ehrenkodex, der die Wiederherstellung gekränkter oder verletzter Ehre reguliert. Bis ins 19. Jahrhundert hinein gehörten sie zu den Spielregeln des sozialen Verkehrs und setzten Offiziere, Adlige und Dandys unter Handlungszwang, wenn sie ihre Schulden nicht bezahlen konnten, in ehrenrührige Affären verstrickt waren, Beleidigungen ausgesprochen hatten und dergleichen mehr.
Duelle bilden im Film von Beginn an einen ganzen Kranz von Motiven aus. In diversen Genres bilden sie in Handlungsführung und Inszenierung ein stereotypes Element aus. (1) Im Mantel- und Degenfilm sowie im Piratenfilm gehört das Fechtspektakel zur brillanten Unterhaltung und ist oft genug (wie in George Stevens‘ The Three Musqueteers, 1948) von Chroreografen wie Gene Kelly inszeniert worden – Höhepunkte temperamentvoller Aktion, oft zum Spielerisch-Akrobatischen weiterentwickelt – in Nachfolge jenes Stils, den Douglas Fairbanks in den 1920er Jahren für den Film entwickelte. Der neuere Action-Film reduziert gerade die tänzerischen Elemente des Fecht-Duells zu recht roher Aktion, die nichts mehr von der Eleganz und Leichtigkeit des klassischen Degen-Duells an sich hat. (2) Ähnlich formelhaft ist das Duell als Showdown des Westerns. Hier geht es um eine oft pathetisch wirkende Konfrontation der Gegenspieler, die zudem zeitlich gedehnt (und seit dem Spätwestern oft sogar in Zeitlupe dargeboten) wird, die wie eine zum Statischen tendierende Manifestation des Konflikts wirkt. Ein berühmtes Beispiel ist die finale Konfrontation, die der von den Bürgern der Stadt verlassene US-Marshall (gespielt von Gary Cooper) am Ende von High Noon (1952) durchzustehen hat. (3) Auch der Historienfilm kennt das Ritual des Duells, das hier allerdings meist als düsterer Hinweis auf die unmenschlichen Ehrenkodices gesetzt ist, unter das die Helden der Handlung sich zu unterwerfen haben (man denke an den unseligen Schusswechsel zwischen Instetten und Crampas in den verschiedenen Effi-Briest-Verfilmungen). Insbesondere sei an die langen und quälenden Duell-Szenen in Stanley Kubricks Barry Lyndon (1975) und Ridley Scotts The Duelists (1978) erinnert, in denen die Unverhältnismäßigkeit von Konflikt-Anlaß und -Austragung und die ideologische Übermächtigkeit von Ehrenkodices sinnlich erlebbar wird. 

Literatur: Schultz, Uwe (Hrsg.): Das Duell: der tödliche Kampf um die Ehre. Frankfurt: Insel 1996. – Udwin, Victor Morris: Between two armies: the place of the duel in epic culture. Leiden [...]: Brill 1999.


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: HJW


Zurück