Lexikon der Filmbegriffe

Dekadenz

v. frz.: décadence, usrprünglich v. lat.: de- = ab, cadere = fallen, decadere = verfallen

In einem Modell, in dem Kulturen nach einem Reifestadium in eine Verfallsphase eintreten – ihre Dekadenz –, kommt es zur Herausbildung einer erhöhten Sensibilität für das Feine, das Raffinierte, das Sensible. Verbunden ist es einerseits mit einem bis ins Extreme dominierenden narzisstischen Selbstbezug der dekadenten Figur, andererseits mit einer hohen Selbstbewusstheit, dekadent zu handeln. Es manifestiert sich ausschließlich in den Sphären des Reichtums, ausgestellter Luxus und Verschwendung sind seine Indizien. Dekadenz als literarisches Motiv bildete sich um die Wende zum 20. Jahrhundert heraus. Nach dem Naturalismus und einer entschiedenen und kritischen Zuwendung zu den Verelendungsformen der industrialisierenden Staaten trat nun eine subjektivistisch-ästhetizistische Kunst- und Weltanschauung in das Zentrum, die die vorgeblichen bürgerlichen Werte negierte, ohne aber politische Konsequenzen zu ziehen. Anti-bürgerliche und anti-moralische Impulse kamen zusammen.
Die Bezeichnung Dekadenz dient im Film zur inhaltlichen Charakterisierung von Filmen, die sich mit luxuriösem Sittenverfall, artistokratischem sensuellen Raffinement, Hingabe an entartete Laster, sexueller Devianz, genusshafter Verantwortungslosigkeit etc. beschäftigen, sei es mit Faszination und Sympathie, sei es in sensationeller oder kritischer Absicht. Zur Dekadenz gehört ein Schuss kreativer Ästhetik und Bewusstheit ebenso wie ein Gefühl von Endstimmung, Sinnlosigkeit des Daseins, Ennui, suizidaler Disposition. Als dekadent interpretierte Spätphasen politischer Epochen sind häufig im Ausstattungs- und Kostümfilm sowie im Monumentalfilm thematisiert. Meist geht das Motiv mit der Formulierung einer Dystopie oder gar Endzeitvision einher, außerdem wird es oft mit einer Gesellschaftskritik verwoben. Beispiele finden sich schon in der Frühzeit des Kinos (etwa im italienischen Divenfilm der 1910er Jahre). Auffallend ist, wie viele italienische Filme sich der Thematik annehmen. 

Beispiele: La dolce vita (Italien 1960, Federico Fellini); La caduta degli dei (Italien/BRD 1969, Luchino Visconti); Morte a Venezia (Italien 1971, Luchino Visconti); Cabaret (USA 1972, Bob Fosse); Caligola (Italien 1979, Tinto Brass); Dangerous Liaisons (Großbritannien/USA 1988, Stephen Frears).

Literatur: Blom, Ivo:Das gestische Repertoire. Zur Körpersprache von Lyda Borelli. In: Kintop 7, 1998, S. 69-83. – Di Marino, Bruno: Il paradiso, l'enigma e il labirinto. In: Filmcritica: Rivista mensile di Studi sul Cinema 45 (=449), Ott. 1994, S. 435-441. – Kafitz, Dieter: Decadence in Deutschland. Studien zu einem versunkenen Diskurs der 90er Jahre des 19. Jahrhunderts. Heidelberg: Winter 2004.


Artikel zuletzt geändert am 03.08.2011


Verfasser: UK CA FK


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