Lexikon der Filmbegriffe

ausklingender / einstimmender Akkord

Ausklingender Akkord ist in Gustav Freytags Dramaturgie eine metaphorische Bezeichnung für die letzte Sequenz eines Filmes, die die Gesamtheit der Handlung des Films zum Abschluss bringt. Ähnlich spricht er vom einstimmenden oder einleitenden Akkord, sich auf eine initiale Sequenz beziehend, die das Thema des Dramas einführt, sich aber von der eigentlichen Handlung abhebt. Was Freytag genau mit dieser Metapher meint, ist durchaus unklar: Zum einen bezieht er sich auf den Prozess der Informationsvergabe; am Anfang wird etwa die Vorgeschichte erzählt, die dem eigentlichen Drama vorausgeht; möglicherweise ist aber auch der Prolog der erste Akkord des Stückes. Zum zweiten bezieht er sich auf den Bau des Stückes – danach geht der einstimmende Akkord dem folgenden „erregenden Moment“ voraus, mit dem die eigentliche Geschichte einsetzt und die Zuschauer endgültig auf die sich entwickelnde Geschichte ausgerichtet werden (etwa im Affekt der Spannung). Offenbar schwebt Freytag noch ein drittes vor: eine Art atmosphärischer Einschwingung (und am Ende entsprechend einem Ausklingen der Gespanntheit der Geschichte und der Rezeption).
Will man Freytags Dramenmodell für die Beschreibung filmischer Strukturen nutzbar machen, ist gerade letzterer Aspekt fruchtbar: Dass Freytag eine musikalische Metapher gewählt hat, mag mit dem Organismus-Modell zusammenhängen, das seine Dramatik durchzieht; allerdings ist wohl nicht so sehr ein Vorspiel (oder entsprechend ein „Nachspiel“) gemeint als vielmehr eine Kennzeichnung der Stimmungslage, die das eigentliche Drama auszeichnet. Es liegt nahe, gerade diese den mood der Erzählung einführende und am Ende ausleitende Funktion der Filmmusik zuzuweisen, die als Titelmusik ja oft noch unverbunden mit der Handlung ist, gleichwohl für den Zuschauer wichtigen Hinweischarakter auf das Genre, den Tonus und das Tempo, in dem die Geschichte erzählt werden wird, oder auf das rhetorische Register der Erzählung hat.

Literatur: Freytag, Gustav: Technik des Dramas. Leipzig: Hirzel 1863, cap. 2, Abs. 2. Zahlreiche Nachdrucke.


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: HJW


Zurück