Lexikon der Filmbegriffe

Kinestasis

engl. kinestasis, photokinesis; auch: photokinestasis, kinestatis, selten auch: filmograph; von griech. kine (= Bewegung) und stasis (= Stillstand, Bewegungslosigkeit)

Unter Kinestasis verteht man den Gebrauch aller Nicht-Bewegtbilder im Film, seien es Photographien, Gemälde, Collagen, Serien von freeze frames usw. Sie treten vor allem im Dokumentar- und Experimentalfilm in einer ganzen Reihe von Funktionen auf, die sich abgemildert auch im Spielfilm finden: (1) Manchmal wird das Stehbild nur für die Dauer weniger Kader projiziert, so dass das Bild wie ein blitzartiges Aufleuchten des Objektes erscheint; dadurch wird das Objekt aus dem normalen Zeitfluss des Filmbildes ent- oder hervorgehoben, und es entsteht ein besonderer Akzent und ein eigenartiger Wahrnehmungseffekt. (2) Bei Folgen von Bildern, die oft einzelne Phasen aus einem Bewegungsablauf festhalten und diese Phasen wiederum wie Diaprojektionen wiedergeben, entsteht ein synthetischer Bewegungseindruck, bei dem die Tatsache, dass die Bewegung fotografiert ist, immer zentral bewusst bleibt. (3) Vor allem im Sachfilm hat sich eingebürgert, dass die Kamera auf Standbilder zufährt, sie absucht und sich ihnen gegenüber verhält, als seien sie eine vorfilmische Szene. Dadurch entsteht eine ganz eigene Bewegungsschicht über den Bildern, die sich so einerseits als Objekte, andererseits aber auch als Szenensurrogate präsentieren. (4) Außerdem werden Standbilder oft benutzt, um historische Schauplätze als historische Orte einzuführen; der eigentliche Film beginnt dann oft mit einer Animierung der Szene, die das einführende Bild gezeigt hatte. (5) Außerdem können Standbilder in der Diegese auftreten und dann als Bilder von normalen Objekten der erzählten Welt auch filmisch dargestellt werden.
Der „kinestatische Film“, der primär aus Nicht-Bewegtbildern besteht, ist sehr selten geblieben. Das wohl berühmteste Beispiel ist Chris Markers La Jetée (1964), der ausschließlich aus Fotografien komponiert ist – mit Ausnahme einer berührenden Szene, in der die Protagonistin die Augen öffnet.

 

Referenzen:

Phasenfotografie

Standbild

Tableau

Tableaux vivantes

Tableaux vivants I: Formatgeschichte

Tableaux vivants II: Filmgeschichte


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: HJW


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