Lexikon der Filmbegriffe

Interpretation

von lat.: interpretatio = Deutung, Übersetzung, Erklärung

In allen Kulturwissenschaften wird die methodisch reflektierte Auslegung oder Deutung von Bildern, Objekten, Texten aller Art und in allen Medien, performativen Formaten, manchmal sogar von historischen Verläufen und sozialen Strukturen Interpretation genannt. Aufgabe ist es dabei, den Texten einen oft nur impliziten, indirekten, verborgenen, möglicherweise sogar versteckten Sinn in einem kontrollierten, methodisch transparenten Verfahren zuzuordnen. Interpretation umfasst eine Kunst der Kontextualisierung und geht über die reine Werkinterpretation hinaus, wenn es um epistemologische, semiotische, ideologische, historische, soziale u.a. Voraussetzungen eines Textes (oder eines anderen Gegenstands der Interpretation) geht. Werksbezogen wird immer davon ausgegangen, dass sich in der komplexen Struktur des Textes – den Verlaufsformen der Erzählung oder des Dramas, der Figuren- und Konfliktkonstellationen, der Umgehensweisen mit den Mitteln des jeweiligen Ausdrucksmediums – ein eigener, im Text selbst nicht oder nur formelhaft artikulierter Sinn formiert. Kontextbezogen wird davon ausgegangen, dass Texte in komplexer Weise in ihren realhistorischen – den ökonomischen, sozialen, politischen, ideologischen etc. – ebenso wie in semiotischen und gattungsgeschichtlichen Horizonten ausgelotet werden müssen.
Auch wenn man die Annahme teilt, dass Texte struktur- und kontextbezogen der Auslegung bedürfen, will man die symbolische Zirkulation von Gesellschaften besser verstehen, steht man in einem Dilemma, weil die Inanspruchnahme einer Interpretationshoheit den Interpretierenden klar der Menge der nicht-privilegierten Rezipienten entgegenstellt, so dass man notwendig ein symbolisches Machtverhältnis hervorbringt. Tatsächlich ist der Interpretation vorgeworfen worden, dass sie grundsätzlich auf einem Akt der Willkür beruhe und Texte in hegemonial kontrollierte Bedeutungssphären hineinzwänge, denen sie genuin gar nicht angehörten. Die Annahme, dass es keine letztgültige Interpretationen geben kann, sondern dass sie immer voraussetzungsgebunden sind, zudem interessengeleitet durchgeführt werden, führt idealerweise dazu, einen „Wettstreit“ verschiedener Interpretationen als eine eigene Sphäre diskursiver Auseinandersetzung anzunehmen (wie es Paul Ricoeur vorschlug), in deren Voranschreiten es zur wechselseitigen Präzisierung der Fragestellungen und Ansichten komme.

Literatur: Frank, Günter (Hg.): Hermeneutik, Methodenlehre, Exegese. Zur Theorie der Interpretation in der frühen Neuzeit. Stuttgart: Frommann-Holzboog 2011. – Japp, Uwe: Hermeneutik. Der theoretische Diskurs, die Literatur und die Konstruktion ihres Zusammenhanges in den philologischen Wissenschaften. München: Fink 1977. – Ricoeur, Paul: Le conflit des interprétations. Essais d.h.eacute;rméneutique. Paris: du Seuil 1969. Zahlr. Übersetzungen u. Neudrucke.
 

Referenzen:

Werkimmanenz


Artikel zuletzt geändert am 25.06.2012


Verfasser: HJW


Zurück