Lexikon der Filmbegriffe

Medienreligion

Im Mittelpunkt des Konzeptes der Medienreligion steht dabei die im Horizont eines funktionalen Religionsverständnisses formulierte These, dass die audiovisuelle Medienkultur zentrale Funktionen der narrativen Lebensdeutung und der rituellen Alltagsstrukturierung mit der kirchlichen Religionskultur teilt bzw. von dieser übernommen hat. In der Konsequenz dieser Überlegungen gewinnen wir unsere im weitesten Sinne religiösen Sinn und Wertorientierungen heute nicht mehr im Gottesdienst, sondern an Orten der Begegnung mit Medien. Unsere persönlichen Hoffnungen speisen sich nicht mehr aus den Auferstehungsberichten des Neuen Testamentes, sondern aus Filmen wie American Beauty, Magnolia oder About Schmidt. Thomas Luckmanns funktionale Religionstheorie versteht die Religion als kulturelle Bearbeitung existentieller Sinnbedürfnisse. Vor diesem Hintergrund erscheint ihm die klassische Säkularisierungsthese als moderner Mythos – Religion kann nicht sterben, sie kann nur ihre Form verändern. Ein Ergebnis dieser Umformungsprozesse ist, so Luckmann, dass aus der deutlich sichtbaren und kirchlich institutionalisierten Religion zu großen Teilen unsichtbare Individuenreligion geworden ist. Religionshermeneutische Untersuchungen des Kinofilms und des Fernsehens zeigen, dass Funktionen der Religion – Sinnstiftung, Orientierungsvermittlung, Ritualisierung des Alltagslebens durch mediale Zeitstrukturierung, Teilnahme an nicht nur imaginärten Gemeinden – als religiöse Valenz an Medien zumindest teilweise übergegangen ist. Sie lässt sich an rituellen Praktiken der Rezeption (im Kino, aber auch am Fernsehen) ablesen, findet ihre Spuren in den Verwendungen narrativer Sinnmuster des Kinos in der Alltagswelt von Rezipienten, Schlüsselszenen und Schlüsseltexte leben in ihrer Erinnerung weiter und formen ihre Biographie mit, sie greifen in ihre Selbst- und Weltdeutung ein, Medienerfahrungen dienen als Ressourcen der Sinnorientierung. Dergestalte Medienreligion kommt zumeist ohne explizit religiöse Semantik aus, sie ist eine Diesseitsreligion: explizite Bezugnahmen auf große Transzendenzen fehlen in aller Regel.

Literatur: Schilson, Arno: Medienreligion. Zur religiösen Signatur der Gegenwart. Tübingen [...]: Francke 1997. – Herrmann, Jörg: Medienerfahrung und Religion. Eine empirisch-qualitative Studie zur Medienreligion. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2007 (Arbeiten zur Pastoraltheologie, Liturgik und Hymnologie. 51.).


Artikel zuletzt geändert am 22.08.2011


Verfasser: JHE


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