Lexikon der Filmbegriffe

Mikrofotografie

Aus der Dokumentation der naturwissenschaftlichen Erkenntnis kommend, hat die Mikrophotographie ihren ersten Höhepunkt zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Ernst Haeckels „Kunstformen der Natur“ (1899-1904) geben ihr das Generalthema vor: die Analogie zwischen menschlichen und natürlichen Konstruktionen, die als Kunstformen überhöht wurden. Den entscheidenden Schritt hin zu einer Ästhetik der Mikroformen taten schließlich die neusachlichen Photographen der 1920er und 1930er Jahre. Sie waren generell an Strukturen und Formen interessiert, sie ordneten und bewerteten, sie inszenierten und fokussierten. Sie nahmen die Metapher vom Kameraauge objektivistisch, und verstärkten damit die ästhetische Wirkung des Objektiven, mithin ihre wohlwollende Haltung zur Welt insgesamt: Die Welt ist schön – um mit dem Titel von Albert Renger-Patzschs bekanntesten Werk zu sprechen, das der Mikrofotografie thematisch nahe ist. Das identifikatorische Potenzial der Mikrophotographie wurde nach dem Krieg einerseits weiter vorangetrieben, vor allem durch den Vergleich von (Ingenieurs-)Kunstformen mit Naturformen. Ihre ideologisch problematische Seite – die in den Jahren zuvor so wichtig gewesen war – fiel jedoch weg: Mit den Versuchen um eine formierte Gesellschaft mit offenem Horizont (wie die westeuropäischen Gesellschaften der ersten Nachkriegsjahrzehnte charakterisiert werden können) fielen die extremen Konsequenzen des Ordnungsdenkens weg. Damit konnte eine Photographie Strukturen zeigen, ohne dass sie allzu stark gesellschaftlichen Homologien entsprach. Die Mikrophotographie erschloss sich gegen Ende des 20. Jahrhunderts auch neue photographische Techniken wie die Rasterelektronenmikroskopie und zeigte eine eigenständige Welt, jenseits der bekannten Perspektiven – ein fantastischer Mikrokosmos als Pendant zum Makrokosmos.
Im Film kamen mikrophotographische Aufnahmen fast immer nur in kurzen Sequenzen vor, motiviert durch Forschungen der Figuren. Vor allem im Science-Fiction-Film finden sich wichtigere Beispiele (wie in The Andromeda Strain, USA 1971, Robert Wise). Höchst erfolgreich versetzte aber auch ein Dokumentarfilm Microcosmos: Le peuple de l'herbe (Frankreich 1996,  Claude Nuridsany, Marie Pérennou) das Publikum ins Staunen. Daneben liegt eine ganze Anzahl von Wissenschaftsfilmen vor; vor allem für die Wissenschaftsendungen des Fernsehens entstehen immer wieder Filme mit mikrofotografischen Aufnahmen. Erwähnt sei aber auch Salvador Dalís surrealistischer Dokumentarfilm Impressions de la haute Mongolie (BRD 1976, Salvador Dalí, José Montes-Baquer), in dem er Milben-Bilder von Manfred Kage verwendete.

Literatur: Lawson, Douglas: Photomicrography. London [...]: Academic Press 1972. – Mikrofotografie. Schönheit jenseits des Sichtbaren. Hrsg. von Ludger Derenthal und Christiane Stahl. [...] Ostfildern: Hatje Cantz 2010.


Artikel zuletzt geändert am 22.08.2011


Verfasser: WD HJW


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