Lexikon der Filmbegriffe

Rock‘n‘Roll-Film

Der Rock‘n‘Roll-Film ist ein kleines Genre der Musikfilmgeschichte, das seine Blütezeit zwischen 1955 und 1965 erlebte. Es wird heute nicht nur als filmische Verarbeitung der Hochphase des jugendlichen Modetanzes Rock‘n‘Roll gewertet, sondern als allgemeinerer Ausdruck der Ablösung einer eigenständigen Jugendkultur aus einer umfassenden, alters- und generationenneutralen Gesamtkultur. Oft geht es um Probleme jugendlicher Dekultivierung, um aufkommende Gewalttätigkeit, Drogenabhängigkeit, Verdummung und gar Kriminalisierung der Jugend. Die Filme legen aber auch Zeugnis ab über eine neue, ekstatischere Unterhaltungskultur, um Tanzformen, die sich aus der formalen Organisiertheit der Gesellschaftstänze lösen und einem individuelleren, körpernahen, ja akrobatischen Ausdruckverhalten im Tanz Raum verschaffen. (Es mag verwundern, dass Sexualität, die allen hier berichteten Filmen eine Rolle spielt, demgegenüber höchst konventionell behandelt wird.) Viele Erzählungen des kleinen Genres thematisieren die Krisenhaftigkeit dieser Prozesse unmittelbar, belegen, dass die rock‘n‘roll-tanzenden Jugendlichen der gesellschaftlichen Verantwortung nicht entzogen sind. Deutlich ist aber fast immer der Konflikt mit der Elterngeneration, seien es die Eltern selbst, seien es Vertreter der kommunalen Kultur, die den Rock‘n‘Roll zu unterbinden suchen.
Auffallend ist zudem, wie früh sich die Filme der ökonomischen und medialen Bedingungen der Rockkultur zuwenden. Da geht es um die Programme von Radio- und Fernsehsendern, um meist kleine und unabhängige Plattenlabels, um die Rolle von DJs (wie insbesondere Alan Freed in zahlreichen Filmen als Alan Freed agiert hat). Dass Rockmusik industriell für einen Massenmarkt gefertigt und darum mit dem Potential großer ökonomischer Gewinne assoziiert ist, ist ebenso thematisch gewesen wie die Rolle von Musikern als jugendkultureller Ikonen. Beides ist in den Filmen als Teil jugendlicher Lebensentwürfe thematisiert worden, als erstrebenswerte Wunsch-Phantasien.
Formal knüpfen die Filme an Musical- und Revue-Formate an. Doch auch die neuen Darbietungsformen der Fernsehshows finden als formale Prinzipien, die die Erzählung regieren. Einige Filme reduzieren die Erzählung fast vollständig, konzentrieren sich ganz auf die Darbietung der Performances der Musiker und Musikgruppen. Andere lehnen sich deutlich an Erzählformen des Kinos an, kontextualisieren Jugendmusik z.B. mit den sozialen Bedingungen des Alltagslebens, aus denen Musik oft als Ausbruchsform erfaßbar wird.

Filme: The Girl Can‘t Help It (Schlagerpiraten); USA 1956, Frank Tashlin. – Rock Around the Clock (Ausser Rand und Band); USA 1956, Fred F. Sears. – Loving You (Gold aus heißer Kehle); USA 1957, Hal Kanter. – King Creole (Mein Leben ist der Rythmus); USA 1958, Michael Curtiz.

Literatur: MacGee, Mark Thomas: The Rock and roll movie encyclopedia of the 1950s. Jefferson [...]: McFarland 1990.


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: CA KB


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