Lexikon der Filmbegriffe

sequentielle Analyse

(1) Allgemeine Bezeichnung für die Analyse von Informationseinheiten, die in sequentieller Folge dargeboten oder hervorgebracht werden, sei es, um Wahrscheinlichkeiten der Entwicklung in einem statistischen Sinne zu erfassen, sei es, um die Strategien der Informationsvergabe zu identifizieren. Letzteres ist auch in der Filmanalyse von Bedeutung, weil die Folge der Informationen es dem Zuschauer ermöglicht, verschiedene Hypothesen über den Fortgang einer Handlung zu formulieren. Suspense ist z.B. daran gebunden, dass der Zuschauer über größere Informationen verfügt als die beteiligten Figuren.

(2) In qualitativen Analysen wird sequentielle Analyse dazu verwendet, die Sinnhorizonte der an einem sozialen Geschehen (einem Gespräch, einem Interview, einer Interaktionssituation etc.) Beteiligten zu rekonstruieren, insbesondere die inneren Hypothesen der Akteure über die Wirkungen ihrer Äußerungen auf die anderen Beteiligten zu untersuchen. In der „objektiven Hermeneutik“ ist die sequentielle Analyse ein Verfahren der „objektiven Sinnrekonstruktion“, derzufolge z.B. in Interviews die narrative Identität von Sprechern als kommunikativ-strategisches Konstrukt erfassbar wird. Zur sequentiellen Analyse gehört die zumindest formale Skizzierung der Handlungsalternativen, die einem Akteur zur Verfügung stehen, sowie der darin lokalisierten Abschätzung von möglichen Folgen der Handlung. Insofern handelt sie von den intentionalen Binnenhorizonten der Handelnden, die in der empathischen Beteiligung von Zuschauern simuliert werden müssen. Sequentielle Analyse ist hochgradig spekulativ, basiert allerdings auf der Fähigkeit sozialer Akteure, das Handlungsfeld kalkulieren und beherrschen zu können. Folgt man der Annahme, dass soziale Situationen nicht nur durch die Strategien der Beteiligten, sondern auch durch Konventionen und Regeln konfiguriert sind, ist sequentelle Analyse ein Verfahren einer „dramatologischen“ Untersuchung sozialer Prozesse und zugleich ein Verfahren der dramaturgischen Feinanalye.

Literatur: Bakeman, Roger / Gottman, John Mordechai: Observing interaction. An introduction to sequential analysis. Cambridge [...]: Cambridge University Press 1994.


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: HJW


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