Lexikon der Filmbegriffe

Dirnenfilm

engl.: prostitute film; manchmal auch: red-light film

Variante des Sittenfilms, der im Urteil der konservativen Kritik als „schmuddelig“ qualifiziert wurde. Er spielt im Halbweltmilieu, die Hauptfigur ist fast immer eine Prostituierte. Entstanden in den 1910er und 1920er Jahren, thematisierten Filme wie Dirnentragödie (Deutschland 1927, Bruno Rahn), La Maison du Maltais (Frankreich 1928, Henri Fescourt; Remake 1938, Pierre Chenal), Die Büchse der Pandora (Deutschland 1929, G.W. Pabst) oder Der blaue Engel (Deutschland 1930, Josef von Sternberg) die einander fast dichotomisch gegenüberstehenden Repräsentationen von Frauen als sexuell aktiver (und dann käuflicher) oder als entsexualisierter, häuslicher und mütterlicher Figuren.
Die Prostituierte als Filmfigur spielt vor allem in Zeiten einer „Sittenzensur“ des Kinos eine wichtige Rolle. Nach den 1920ern brachte auch das Kino der 1950er eine ganze Reihe von Dirnenfilmen hervor, denen durchweg eine Paarung des Erotischen mit dem Anstößigen vorgeworfen wurde. Mentalitätenhistorisch bezeugen die Filme aber eine gesellschaftliche Doppelmoral, in denen politische und ökonomische Macht (von Männern) mit der Ökonomisierung der Sexualität in Konflikt gerät. Die Figur der Dirne wird zum dramatischen Zentrum, an dem unvereinbare Wertorientierungen in Konflikt geraten. Filme wie Le Garçon sauvage (Frankreich 1951, Jean Delannoy) oder Le Notti di Cabiria (Italien 1957, Federico Fellini) erzählen von den unauflösbaren, zuweilen tragischen Widersprüchen zwischen Armut, Selbstwahrnehmung, Verzweiflung, Milieuabhängigkeit der oft dem Milieu der „kleinen Leute“ entstammenden Frauen.
Dass diese Geschichten mit sozialer Realität zusammenhängen und die Verlogenheit einer öffentlich geäußerten Moralität im Kontrast zur sozialen Praxis bloßlegten, wurde spätestens mit dem Frankfurter Nitribitt-Skandal (1957) deutlich, der bereits 1958 filmisch aufgearbeitet wurde (Das Mädchen Rosemarie, Rolf Thiele; Remake: BRD 1996, Bernd Eichinger). Jean-Paul Sartres Stück Die ehrbare Dirne (1946, verfilmt als La p... respectueuse, Frankreich 1952, Charles Brabant, Marcello Pagliero) hatte schon früher eine scharfe Kapitalismus- und Rassismuskritik in den Motiven der Dirnenliteratur formuliert. Mogens Vemmers fast dokumentarisch anmutender Film Gade uden ende (Straße ohne Ende, Dänemark 1963) markiert das Ende des Dirnenfilms, dessen Bezeichnung bereits auf eine höchst ambivalente Motivation zwischen Voyeurismus und moralischer Empörung hindeutet, die ihn zudem eher als Redeweise einer moralisierenden Filmkritik denn als Genre des Films qualifiziert.


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: HJW


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