Lexikon der Filmbegriffe

Exzess

engl.: (cinematic) excess

Der von Kristin Thompson in die neoformalistische Filmtheorie eingebrachte Begriff des Exzesses bezieht sich auf filmische Verfahren, die Wahrnehmungsqualitäten jenseits ihrer funktionalen Bestimmung betont hervortreten lassen – zum Beispiel eine gegenüber dem normalen Farbmodus erhöhte Farbintensität, die durch Überschreitung der symbolischen oder dramaturgischen Funktionen der Farbgebung einen Eigenwert gewinnt; dazu rechnen ungewöhnliche Kameraoperationen, manieristische Dekors, extrem lange Einstellungen usf. Thompsons Interesse gilt der Idee des Hervortretens einer Materialität des Filmischen, die zeitweilig das Narrative als kontinuitätsstiftende Struktur eines Films aussetze und als „counternarrative“ bzw. „counterunity“ erfahrbar werde. Es sind Musikszenen, Filmträume, Rauschszenen, aber auch Transitionen, deskriptive Sequenzen und ähnliches, die mittels eines solchen exzessartigen Gebrauchs filmischer Mittel aus dem Kontext zumindest partiell herausttreten und eigene Aufmerksamkeit (und eine eigene Form des filmischen Genusses) auf sich ziehen.
Wie im Fall der ostranenie obliege es dabei dem Zuschauer, den Exzess des Filmischen als solchen zu realisieren, den filmischen Text mental bis an die Grenze sines Zusammenhangs zu führen, in dem die textstrukturellen Bindungen der Narration oder der Argumentation idealiter aufgehoben sind und durch rein ästhetische Strukturen zumindest zeitweilig (etwa für die Dauer einer Sequenz) abgelöst werden. Das Konzept des Exzesses enthält somit zwei komplementäre Perspektivierungen des Begriffs: Die eine ist primär am ästhetischen Material und die andere stärker an den kognitiven Leistungen von Zuschauern orientiert.

Literatur: Thompson, Kristin: The Concept of Cinematic Excess. In: Cine-Tracts, 2, 1977, S. 54-63. Mehrfach nachgedruckt.


Artikel zuletzt geändert am 22.08.2011


Verfasser: HJW


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