Lexikon der Filmbegriffe

Gastarbeiterfilm

Erst in den 1970ern nahm das BRD-Kino die Probleme der sogenannten „Gastarbeiter“ auf. Die meisten Filme stammten von deutschen Filmemachern (darunter Angst essen Seele auf, 1974,Rainer Werner Fassbinder; Shirins Hochzeit, 1976, Helma Sanders; Aus der Ferne sehe ich dieses Land, 1978, Christian Ziewer; Palermo oder Wolfsburg, 1980, Werner Schroeter); In der Fremde (1975) von dem Iraner Sohrab Shahid Saless war eine der wenigen Ausnahmen. Die Filme waren durchweg als eher düstere Sozialdramen inszeniert; das Anliegen, einer gesellschaftlichen Randgruppe Gehör zu verschaffen, war deutlich spürbar (in der Kritik war manchmal von „Betroffenheitskino“ die Rede). Das Bild des Gastarbeiters als geduldetes, aber keineswegs integriertes Mitglied des Arbeitssystems blieb dominant, wurde auch in ersten Filmen nichtdeutscher Filmemacher thematisiert (wie etwa in Vierzig Quadratmeter Deutschland, 1986, Tevfik Baser). Nicht nur, dass die Kulturkreise der Sender- und Empfängerländer ganz unvereinbar miteinander scheinen – fast immer wird die selbstgefällige Arroganz der westdeutschen Gesellschaft (vor allem auch der Behörden) attackiert (am deutlichsten vielleicht in Saless‘ Gesellschaftsparabel Utopia, 1983).


Erst in den 1990ern war die erste Generation von Filmemachern nichtdeutscher Herkunft in der BRD herangewachsen: Deutschtürken wie Fatih Akin, Thomas Arslan und Züli Aladag, Deutschgriechen wie Filippos Tsitos, Deutschkroaten wie Damir Lukacevic und andere trugen ein neues Selbstbewusstsein in ihre Produktionen hinein. Ihre Geschichten handelten weniger von der Befindlichkeit der Gastarbeiter-Immigranten oder der Abstoßung der Fremden durch die BRD-Gesellschaft als vielmehr von urbanen Lebenswelten, die in sich multikulturell organisiert waren. Sie lehnten sich oft an internationale Vorbilder des populären Films an (wie in dem Episoden-Drama Kanak Attack, 2000, Lars Becker, dem episodischen Ausländerkrimi Lost Killers, 2000, Dito Tsintsadze, dem HipHop-Film Status Yo, 2004, Till Hastreiter, u.a.m.). Gegen die Wand (2004), der die Berlinale gewann, signalisierte, dass die personale und thematische Trennung, die das Migranten-Kino der vorherigen Dekaden so sehr überschattete, sich nach der Jahrhundertwende aufzulösen beginnt. Nun wird auch der Blick frei für Familiengeschichten (wie etwa in dem autobiographisch anmutenden Film Solino, 2002, des türkischstämmigen Filmemachers Fatih Akin über eine italienische Gastarbeiterfamilie, oder dem ironisch-komödiantischen Almanya – Willkommen in Deutschland, 2011, Yasemin Samdereli).

Literatur: Kaes, Anton. Leaving home: film, migration, and the urban experience. In: New German Critique, 74, Spring/Summer 1998, S. 179-192. – Schaub, Martin: Der Fremde als Identifikationsfigur. In: Cinema, 29, Aug. 1983, S. 68-76.


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: KB


Zurück