Lexikon der Filmbegriffe

Zigeuner im Film

Das Wort ‚Zigeuner‘ bezeichnet eine klischeeartige Vorstellung von ‚Anderssein‘. Solche Bilder sind das Material, aus dem Filme, vor allem beim Publikum erfolgreiche, in der Regel gemacht sind. Sie greifen dabei häufig auf bereits vorliegende Bilder, Stoffe und Motive (Kindsraub, Kriminalität, Nomadentum, Wahrsagerei und stereotype Beschreibungen des Aussehens) aus anderen, älteren Medien – Literatur, Oper, bildende Kunst – zurück. Das gilt etwa für die bekannteste aller Zigeunerinnen: Carmen. Diese von Mérimée (1820) über Bizet (1875), Peter Brook (1983), Francesco Rosi (1984) und Carlos Saura (1983/1991) meist als femme-fatale-Narrativ inszenierte Geschichte einer selbstbestimmten Frau enthielt von Anfang an alle Zutaten für einen dauerhaften internationalen Erfolg. Auch zwei weitere Zigeuner, die ebenfalls Filmgeschichte geschrieben haben, haben literarische Vorläufer: Quasimodo, der Glöckner von Notre-Dame, und Esmeralda. In Victor Hugos Roman Notre-Dame de Paris (1831) ist Quasimodo ein zigeunerisches Findelkind, Esmeralda hingegen das Opfer einer Kindesvertauschung – typisch zigane Motive, aus denen Hugo ambivalente Figuren erschafft, die mit einer Ästhetik des Grotesken und Karnevalesken kombiniert ein facettenreiches Spiel ermöglichen.
Gegenüber den stereotypverhafteten Zigeunerfiguren im Film neue Wege gehen die Filme Tony Gatlifs (u.a. Latcho Drom, 1993, Gadjo Dilo, 1997, Swing, 2002, Liberté, 2010) und Emir Kusturicas (Time of the Gypsies / Zeit der Zigeuner, 1986; Crna macka, beli macor / Schwarze Katze, weißer Kater, 1998). Thematisch dominiert die Hervorhebung von Vitalität und Lebendigkeit, formal, vor allem bei Kusturica, eine Ästhetik des Grotesken und Karnevalesken, eine rasante und brisante Mischung aus anarchisch-burlesker Fröhlichkeit, Menschenhandel, Raub und Prostitution, ein beständiger Wechsel zwischen Realismus und Phantastik, Klischee und Sozialkritik, Magie und Albernheit. Selbstverständlich bedienen Gatlif und Kusturica Klischees und vermarkten sie – bis hin zum Gypsie-/Balkan-Pop. Eine weitere Gruppe von stereotypkritischen Filmen bilden (semi-)dokumentarische (Kurz-)Filme, die einer kleinen kritischen Gegenöffentlichkeit zugehören. Inszenieren die großen Publikumsfilme Zigeuner als Typen und als ambivalente Grenzfiguren der sozialen Ordnung, so bemühen sich die Filme dieses Genres um realistische Porträts von Roma-Gruppen.
Schließlich ist das Grauen des Völkermords Thema einer ganzen Reihe von Filmen gewesen. Oft werden dabei von Überlebenden Erinnerungen an die NS-Verfolgung und die Nachkriegsjahr mit späterer und aktueller Lebenserfahrung verbunden ( wie in Ceija Stojka, Österreich 1999). 

Literatur: Bibliographie: Medienwissenschaft / Hamburg: Berichte und Papiere 116, 2011: Zigeuner/Roma im Film. URL: http://www.rrz.uni-hamburg.de/Medien/berichte/arbeiten/0116_11.html. – Chiline, Edouard: The Celluloid Drom: Romani Images in Russian Cinema. In: Framework – the Journal of Cinema and Media 44,2, Fall 2003, S. 34-41. -Dobreva, Nikolina Ivantcheva: The curse of the traveling dancer. Romani representation from 19th-century European literature to Hollywood film and beyond. Ph.D. Thesis, Amherst, Mass.: University of Massachusetts Amherst 2009. – Hagen, Kirsten von: Inszenierte Alterität. Zigeunerfiguren in Literatur, Oper und Film. München/Paderborn: Fink 2009.


Artikel zuletzt geändert am 02.03.2012


Verfasser: HU


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