Lexikon der Filmbegriffe

erotetische Narration

von griech.: erotema = Frage

In der linguistischen Pragmatik der Fragesätze ist der erotetische Sprechakt darauf ausgerichtet, ein Wissensdefizit auf der Seite des Sprechers auszuräumen. Erotizität gilt als Grundlage eines eigenen Typus von Fragen, gar als eigener Illokutionstyp, denen die „direktiven Fragen“ gegenüberstehen. Derartige Fragen drücken sowohl ein Nichtwissen aus wie sie ein Informationsdefizit signalisieren. In der Filmtheorie spielt die Metapher des Fragens in der Montage eine Rolle, besteht doch der filmische Text aus einer Reihe von Segmenten, deren Verknüpfung oft unklar ist, weil der innere Zusammenhang nach Aufklärung verlangt.  Noël Carrolls Ausführungen zum Horrorfilm (die auf Dziga Vertovs viel ältere Überlegungen zur filmischen Montage und zum Zusammenhang der Bilder einer Einstellungskette zurückgehen) basieren auf der Annahme, dass man es hier mit einer erotetischen Narration zu tun hat; das in vielen Erzähltheorien zentrale Prinzip der Kausalität tritt hier in den Hintergrund, weil im Erzählen eine Folge von Fragen, die dem Zuschauer entstehen, und Antworten, die der Text geben muss,  inszeniert wird. Die Folge von Szenen lässt sich – dieser Annahme folgend – als Folge von Fragen und Antworten beschreiben. Im Zentrum steht also ein Rezipient, der auf Antworten wartet. Spannung im Horrorfilm (und im Suspensefilm, könnte man ergänzen) erscheint als Warten auf eine solche Antwort unter der Berücksichtigung von Moral und Wahrscheinlichkeit – immer dann, wenn eine Frage zwei mögliche Antworten zulässt, von denen die eine moralisch wünschenswert aber unwahrscheinlich, die andere die andere moralisch verwerflich, aber wahrscheinlich ist. Sowohl Frage wie Antwort haben ihren Ursprung im Text, steuern aber die Neugierde des Zuschauers. Darum ist das erotetische Erzählen eine eigene Strategie der Informationsvergabe, die den Zuschauer immer nur partiell informiert.

Literatur: Zaefferer, Dietmar: Frageausdrücke und Fragen im Deutschen. Zu ihrer Syntax, Semantik und Pragmatik. München: Fink 1984. – Carroll, Noël: The philosophy of horror or Paradoxes of the heart. New York [...]: Routledge 1990.


Artikel zuletzt geändert am 14.09.2011


Verfasser: HJW


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