Lexikon der Filmbegriffe

Justizdrama

engl.: court room drama, trial drama

Im Zentrum des Genres steht der bereits im Theater beliebte Schauplatz des Gerichtssaals, der von einem inhärenten Potenzial zur Dramatik profitiert. Kriminalfilme, Politthriller und Familiendramen (Music Box, Costa-Gavras, USA 1989) verlagern sich an diesen Ort, wo sich die Möglichkeit des konzentrierten Schlagabtauschs zwischen Richter, Ankläger und Verteidiger bietet.
Moralische Wertungen finden hier ebenso statt wie nüchterne Sozialstudien oder gross angelegte Vergangenheitsbewältigungen (Judgment at Nuremberg, Stanley Kramer, USA 1961) – sei es im Zeugenstand, auf den Publikumsrängen oder der Geschworenenbank. Überraschende Enthüllungen sorgen für Wendepunkte in der eher statischen Grundsituation, rhetorische Duelle und emotionale Krisen liefern Gelegenheit zu Charakterstudien (Witness for the Prosecution, Billy Wilder USA 1957). Häufig dienen Rückblenden der Aufarbeitung der Vergangenheit, außerdem lockern sie die Monotonie des Schauplatzes und die damit verbundene Tendenz zur Dialoglastigkeit auf.
Viele Justizdramen nutzen das systemkritische Potenzial des Genres, um die Rechtsprechung zu thematisieren: Sie erheben Anklage gegen korrupte Richter oder rollen schockierende Justizirrtümer auf, plädieren für die Abschaffung der Todesstrafe oder dafür, Verbrechen wie Vergewaltigung nicht länger als Kavaliersdelikt abzutun (The Accused, Jonathan Kaplan, USA 1988). Oder aber sie denken über den schmalen Grat zwischen Recht und Gerechtigkeit nach. Während manche dabei mit viel Pathos vorgehen, wählen andere den Tonfall der stillen Schilderung – und erzielen bisweilen eine umso erschütterndere Wirkung.

Beispiele: La Passion de Jeanne d'Arc (Frankreich1928, Carl Theodor Dreyer); Adam's Rib (USA 1949, George Cukor); Anatomy of a Murder (USA 1959, Otto Preminger); Judgment at Nuremberg (USA 1961, Stanley Kramer); Music Box (USA 1989, Constantin Costa-Gavras); The Trial of Adolf Eichmann (USA/Israel 1997, P: Kenneth Mandel, Daniel B. Polin; TV-Kompilation von Prozeßaufnahmen gegen Eichmann).

Literatur: Bergman, Paul / Asimow, Michael: Reel Justice. The Courtroom Goes to the Movies. Kansas City: Andrews and McNeal 1996. – Chase, Anthony: Movies on trial. The legal system on the silver screen. New York: New Press 2002. – Clover, Carol J.: Judging audiences: the case of the trial movie. In: In: C.Gledhill and L. Williams (Eds.): Reinventing Film Studies. Ed. by Christine Gledhill and Linda Williams. London: Arnold 2000, pp. 244-264. – Denvir, John (ed.): Legal Reelism. Movies as Legal Texts. Urbana: University of Illinois Press 1996. – Kuzina, Matthias: Der amerikanische Gerichtsfilm. Justiz, Ideologie, Dramatik. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2000.

Referenzen:

court-martial drama


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: PB


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