Lexikon der Filmbegriffe

Interpassivität

Als Interpassivität bezeichnet man in der psychoanalytischen Theorie des Lachens die Praxis, eigene Handlungen und Empfindungen an äußere Objekte, also Menschen oder Dinge zu delegieren. Die Theorie der Interpassivität bezieht sich hauptsächlich auf den Bereich der Lustempfindungen, weshalb Interpassivität auch als „delegiertes Genießen“ definiert werden kann: Man genießt nicht selbst, sondern durch einen Stellvertreter. Pfaller unterstreicht seine These durch das Beispiel der Darstellung einer toten Person auf einer Theaterbühne. Wenn diese Person niesen muss, erfolgt üblicherweise allgemeines Gelächter. Aber warum? Sowohl die übrigen Darsteller als auch das Publikum wissen, dass die Person in Wirklichkeit nicht tot ist. Die Freude lässt sich, so Robert Pfaller, der die Theorie in Anlehnung an Konzepte Jacques Lacans und Slavoj Zizeks ausgearbeitet hat, dadurch erklären, dass durch den Fauxpas bewusst werde, dass durch die Theaterinszenierung nicht so sehr die realen Zuschauer getäuscht wurden, sondern vor allem der fiktive naive Beobachter. Auch der Zuschauer ist doppelt konstituiert – als realer Zuschauer und als Beobachter/Teilnehmer der fingierten Realität, der ontologisch scharf gegen die Realität des Zuschauerraums und der nichtfingierten Realität der Bühne abgesetzt. Dieser (dem Bereich der Magie und des Aberglaubens angehörende) Glaube an die Selbständigkeit des Fingierten ermöglicht den ästhetischen Genuss der Fiktion überhaupt erst. Gelacht wird also nicht über die eigene Ent‑Täuschung, sondern über die des naiven Beobachters.

Literatur: Pfaller, Robert (Hrsg.): Interpassivität. Studien über delegiertes Genießen. Wien [...]: Springer 2000. – Pfaller, Robert: Die Illusionen der anderen. Über das Lustprinzip in der Kultur. Frankfurt: Suhrkamp 2002. – Pfaller, Robert: Ästhetik der Interpassivität. Hamburg: Philo Fine Arts 2008.


Artikel zuletzt geändert am 30.12.2011


Verfasser: W CA


Zurück