Lexikon der Filmbegriffe

Sozialgeschichte der Texte


Historiographisches Modell der Textanalyse, das sich an kunstsoziologischen und sozialgeschichtlichen Konzepten der Geschichtswissenschaft orientiert, ausgehend von der Grundannahme, dass Texte von sozialgeschichtlichen Veränderungen bestimmt werden und man daher aus der Untersuchung der Sozialgeschichte wesentliche Aufschlüsse für das Verständnis von Texten gewinnen kann. Vor allem in der Literaturwissenschaft der 1960er und 1970er Jahre profilierte sich die Untersuchung sozialhistorischer Kontexte der Literatur, ihrer Produktion und Rezeption, ihres Gehalts und ihrer Gestalt als Gegenbewegung zur bis dato vorherrschenden werkimmanenten Interpretation und zur Geistesgeschichte. Das Ziel war ein doppeltes – einerseits die Bestimmtheit der Literatur durch die zeitgenössischen sozialen Verhältnisse und ihre Entwicklung aufzuzeigen, andererseits den Einfluss der Literatur auf ebendiese Verhältnisse verstehen zu lernen. Die Werke der Literatur (oder allgemeiner: der Künste einschließlich des Films) gelten als Repräsentanten ihrer Gesellschaft bzw. bestimmter Gruppen und ihrer Weltanschauung resp. Ideologien; sie sind Teil symbolischer Herrschafts-, Repräsentations- und Inklusions-/Exklusionstechniken. Sozialgeschichtliche Forschung wurde zum einen als empirische Kunstsoziologie ausgearbeitet, die Produktions-, Distributionsbedingungen, Zugangsbedingungen und Rezeptionsweisen detailliert im historischen Feld untersuchte, dabei insbesondere auch die ökonomischen und institutionellen Formate der Kunstproduktion und -distribution zu beschreiben versuchte; diese Variante umfasst neben Marktuntersuchungen, der Rekonstruktion produktionsstrategischer Verfahren der Textplanung und der Vermarktung auch die Untersuchung von Habitualisierungen der Textrezeption, über die Rezeption hinausgehender Aktivitäten der Rezipienten sowie der Entwicklung des Kunstbetriebes. Die zweite Variante wurde oft als Ideologiekritik verstanden und behandelte Texte nach ihrem Gehalt und ihrer Gestalt als Ausdruck bestimmter (politischer und symbolischer) Interessen‑ und Herrschaftsstrukturen, ordnete die Texte einem globalen Modell der Gesellschaftsentwicklung unter; eine eher wissenssoziologisch oder mentalitätengeschichtliche Auffassung suchte die historischen Bedeutungs- und Wissenshorizonte zu rekonstruieren, die für ein Verständnis der historischen Bedeutungspotenziale künstlerischer Werke nötig sind. In der Filmhistoriographie hat es alle Varianten sozialgeschichtlicher Beschreibung gegeben (und gibt es bis heute), wobei heute weitgehend Übereinstimmung herrscht, dass eine Vielzahl unterschiedlicher Beschreibungsverfahren miteinander kombiniert werden müssen. Insbesondere die Diskussionen zur „revisionistischen“ Geschichtsschreibung des Films plädieren für eine integral orientierte Mischung verschiedener Zugänge. 

Literatur: Fügen, Hans Norbert (Hrsg.): Wege der Literatursoziologie. Neuwied: Luchterhand 1968, S. 39‑159. – Löwenthal, Leo: Erzählkunst und Gesellschaft. Die Gesellschaftsproblematik in der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts. Neuwied: Luchterhand 1971. – Allen, Robert C. / Gomery, Douglas: Film history. Theory and practice. New York [...]: McGraw-Hill 1985. – Bordwell, David: On the History of Film Style. Cambridge, Mass./London: Harvard University Press 1997.
 


Referenzen:

Filmgeschichte: Formengeschichte

Filmgeschichtsschreibung / Filmhistoriographie

Neoformalismus II: historische Stilistik

revisionistische Filmgeschichtsschreibung


Artikel zuletzt geändert am 20.01.2012


Verfasser: HJW


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