Lexikon der Filmbegriffe

Neonoir

Hauptsächlich amerikanisches Genre, das sich aus dem expliziten Bezug zum Film Noir definiert, dessen Stil sich in den späten 1950er Jahren erschöpft. Mitte der 1960er setzt jedoch eine erste, modernistische Phase des Neonoir ein, die teils aus Remakes, teils aus nachempfundenen Strukturen mit kleinen Variationen oder aus Neuansätzen mit stilistischen Assoziationen auf den klassischen Film Noir besteht. Typischerweise in Farbe gedreht, wagt sich der modernistische Neonoir in zuvor tabuisierte Bereiche von Sexualität und Gewalt vor. Seit den 1980er Jahren spricht man von der postmodernistischen Phase des Neonoir. Der Postmoderne entsprechend, gilt diesen Filmen der Film Noir als Spielmaterial, aus dem Imitationen, Hommagen, Zitate und Hybridformen gewonnen werden. Für beide Phasen des Neonoir gilt, dass sie sich in erster Linie an ein intellektuelles, cinephiles Publikum wenden, das die zahlreichen intertextuellen Bezugnahmen auf den Film Noir aufzuschlüsseln vermag.
Es sind einige Codes des film noir, die ihn fast wie ein Genre auszuzeichnen scheinen und die im Neonoir neu interpretiert, verdichtet und aktualisiert werden – Kleidungskonventionen, Darstellungsmuster der Stadt, Strategien des Lichteinsatzes und der kompositorischen Behandlung des Bildes, Umgehensweisen mit Zeit, Kausalität und Perspektive, Verfahren der Textschließung, die Bedeutung existentieller Fragen und ähnliches. Neonoir ist ein signifikantes Beispiel für die Anwesenheit von Filmgeschichte in der visuellen Phantasie neuer Produktionen. Die Noir-Codes konstituieren keine abschließbare Gruppe von Filmen, sondern bilden ein Material, das in beständiger Übertragung, Modulation, Kombination mit fremden Codes, Variation steht und auch Genres wie den Science-Fiction-Film affizieren können. Gerade Filme wie The Matrix (USA 1999, Andy Wachowski, Lana Wachowski), L.A. Confidential (USA 1997, Curtis Hanson) oder Fight Club (USA 1999, David Fincher) zeigen, so dass die Codes des film noir wie Elemente einer unterschwelligen Auseinandersetzung mit dem Formenkanon des klassischen Hollywoodkinos lesbar sind. Film thematisiert Filmgeschichte so stets mit, kein Film ist der Rückbindung an die historischen Gebrauchsweisen der filmischen Formen entbindbar. Diese Doppelbindung von Film und Filmgeschichte entgrenzt einen baren Genre-Zugang zum Noir-Film, transformiert das Noir-Phänomen in ein künstlerisches Verfahren – in eine méthode noire.
Zu den prägnantesten Beispielen der Neuverwendung der Codes des film noir aus den 1970ern zählen The Long Goodbye (USA 1972, Robert Altman), Chinatown (USA 1974, Roman Polanski) und Taxi Driver (Martin Scorsese, USA 1976).

Literatur: Elsaesser, Thomas: Hollywood heute. Geschichte, Gender und Nation im postklassischen Kino. Berlin: Bertz + Fischer 2009, S. 193-225. – Röwekamp, Burkhard: Vom ,film noir‘ zur ,méthode noire‘: Die Evolution filmischer Schwarzmalerei. Marburg: Schüren 2003. – Schwartz, Ronald: Neo‑noir. The new film noir style from Psycho to Collateral. Lanham, Md. [...]: Scarecrow Press 2005.


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: PB HJW


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