Lexikon der Filmbegriffe

projektive Ergänzung

von lat.: proicere = hervortreten lassen

Anfang des 20. Jahrhunderts gab es mehrere Überlegungen dazu, dass Wahrnehmungsvorgänge mit Prozessen durchsetzt sind, die die Eigenwelt des Wahrnehmenden an das Wahrnehmen anschließt. Im Film basiert diese projektive Ergänzung auf der Bereitschaft und Fähigkeit des Zuschauers, die durch die Begrenztheit des Bildes nur partiell dargestellten Figuren nicht nur als materielle Wesen (im Sinne einer „Gestaltergänzung“) zu komplettieren , sondern sie zudem mit Wissen, Erfahrungen, Erinnerungen auszustatten, für die wir vom Film verbale und non-verbale Hinweise (sog. cues) bekommen. Klassenzugehörigkeit, Charaktertyps und -eigenschaften, möglicherweise sogar die genretypische Rolle, die Stellung einer Figur im Ensemble der anderen Figuren – alles dieses wird bereits in den Akten des Wahrnehmens, ohne Kenntnis des narrativen oder diegetischen Rahmens, erschlossen. Die projektive Ergänzung ist manchmal als Auffüllung von „Leerstellen“ interpretiert worden, als imaginative Ausarbeitung des Wahrgenommenen. Insbesondere wird im Umgang mit Ellipsen aller Art oft deutlich nachweisbar nicht nur eine formale Schließung der Auslassung vorgenommen, sondern mittels projektiver Ergänzungstätigkeiten die Ellipse zu einer Art Residuum der Phantasie in der Filmrezeption.

Literatur: Müller‑Tamm, Jutta: Abstraktion als Einfühlung. Zur Denkfigur der Projektion in Psychophysiologie, Kulturtheorie, Ästhetik und Literatur der frühen Moderne. Freiburg im Breisgau: Rombach 2005 (Litterae. 124.).


Artikel zuletzt geändert am 30.12.2011


Verfasser: HJW


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