Lexikon der Filmbegriffe

Krebserkrankung im Film


Noch Susan Sontag hatte in ihrem Essay Krankheit als Metapher 1977 daran gezweifelt, dass der Krebs ästhetisierbar sei. Bis zur Mitte der 1970er sind Filme zum Thema selten, sind Ausnahmen, das Krebsthema spielt häufig nur in Nebenhandlungen eine Rolle; nach 1975 aber beginnt eine Vielzahl von Filmen im Kino und im Fernsehen, sich der Thematik anzunehmen. Autobiographisch orientierte Filme finden sich fast ausschließlich im Dokumentarfilm (wie z.B. Der Indianer, BRD 1987, Rolf Schübel; De grote Vakantie, Niederlande 1999, Johan van der Keuken).
In der Regel sind Filmgeschichten Geschichten über eine Krebserkrankung aus der dominanten Perspektive des Erkrankten oder seiner nächsten Angehörigen. Eine Erzählung aus der Perspektive des Arztes ist äußerst selten (verwiesen sei auf Arztserien wie Emergency Room oder wenige Arztfilme). Die dramatische Form ist einfach, folgt in der Regel der konventionellen Fünfaktigkeit des aristotelischen Dramas: Die Exposition zeigt den Kranken in seinem Alltag, noch gelten dessen Werte und Horizonte. Die Nachricht, krank zu sein, eröffnet dann zunächst eine intensive autoreflexive Phase. Sie ist ein Eingriff in den  Lebens- und Glücksentwurf und zwingt zur Neuorientierung und Neudefinition der persönlichen Werte und Einstellungen (My Life, USA 1993, Bruce Joel Rubin). Filme über Krebserkrankungen sind meist Melodramen, die die psychosoziale Dynamik in kleinen Gruppen von Akteuren beobachten und dramatisieren. Viele der Filme sind Fernseh(ko)produktion, was man dahingehend auslegen könnte, dass derartige Stoffe für ältere Zuschauer als diejenigen, die zu den Kinobesuchern zählen, interessant sind und dass sie Angebote für familiären Medienkonsum zu Hause sind.

Literatur:  Kollenbaum, Volker / Sellmer, Jan / Wulff, Hans J.: Katalysator der Konflikte: Krebs im Spielfilm. In: Ein­blick. Zeitschrift des Deutschen Krebsforschungszentrums 14,4, 2000, S. 6-9. – Potter, Jonathan / Wetherell, Margaret / Chitty, Andrew: Quantification Rhetoric. Cancer on Television. In: Discourse and Society, 2, 1991, pp. 333-365. – Moamai, Marion: Krebs schreiben. Deutschsprachige Literatur der siebziger und achtziger Jahre. St. Ingbert: Röhrig 1997. – Käser, Rudolf: Metaphern der Krankheit: Krebs. In: Lesbarkeit der Kultur. Literaturwissenschaften zwischen Kulturtechnik und Ethnographie. Hrsg. v. Gerhard Neumann. München: Fink 2000, S. 323-342.



Artikel zuletzt geändert am 30.12.2011


Verfasser: HJW


Zurück