Lexikon der Filmbegriffe

Krankheit im Film

Motiv, das vor allem in ernsten Genres, häufig als Leidensgeschichte, Melodrama und/oder moralisches Rührstück, vorkommt. Dabei ist die Inszenierung der Krankheit immer davon abhängig, wie tabuisiert der Diskurs über Krankeit(en) – insbesondere deren visuelle Darstellung – zur Produktionszeit eines jeweiligen Films ist. Die historisch sich verändernden Auffassungen zur sozialen und individuellen Bedeutung von Sucht und Drogen finden sich ebenso im Spiegel der Filmgeschichte wieder wie die langjährigen Diskussionen über die Psychiatrie zwischen Ordnungsmacht und medizinischer Disziplin. Manche in der Statistik zentrale Krankheiten wie Diabetes, Schlaganfälle oder Grippe werden im Film kaum verarbeitet, weil das dramatische Potential dafür wohl nicht ausreichend groß ist; wenn Krankheiten dagegen epidemische Ausmaße annehmen (wie z.B. die Pest oder die Cholera) oder wenn sie die Protagonistenfigur zu einer grundlegenden Reflexion ihrer Lebensentwürfe zwingt (wie z.B. die Mitteilung, sie habe Krebs), scheinen sich die Geschichten wie von allein zu ergeben.
Den Darstellungen sexuell übertragbarer Krankheiten (seit den 1980ern vor allem Aids) kommt insofern ein besonderer Stellenwert zu, als die Krankheit oft nur als Vorwand dient: sei es zu schlüpfrigen oder klischeebeladenen Thematisierungen von (Homo-)Sexualität, sei es zur Vermittlung bürgerlicher Sexualmoral und Hygienevorstellungen. Dies gilt selbst dann, wenn ein Film sich als Lehrfilm versteht. Im Experimentalfilm und experimentellen Spielfilm dagegen wird das Motiv (gerade in seiner Ausprägung Aids) sehr viel unverkrampfter und freier von Doppelmoral umgesetzt. 

Beispiele: Feind im Blut (Deutschland 1931, Walter Ruttmann); Interrupted Melody (USA 1955, Curtis Bernhardt); Philadelphia (USA 1993, Jonathan Demme).


Artikel zuletzt geändert am 30.12.2011


Verfasser: PB CA


Zurück