Lexikon der Filmbegriffe

Baudelarian cinema

Anfang der 1960er entstand eine Tendenz der unabhängigen Filmproduktion, die Impulse aus der Jazz- und Beatkultur aufnahmen (Filme wie Shadows, USA 1959, John Cassavetes), die mit Techniken der Improvisation oft unter Verzicht auf klare narrative Entwicklungen arbeiteten. Den Mitgliedern des Underground-Kinos – unter ihnen Jonas Mekas, Ken Jacobs, Jack Smith und Carolee Schneemann – ging die Form nicht weit genug. Sie konzipierten Filme, die den narrativen Zusammenhang, eine in der Erzählung begründete Kontinuität, die vorgegebene Standardlänge ebenso vernachlässigten wie Prinzipien der Schärfe, der Belichtungszeiten und der Erkennbarkeit der Bildinhalte. Sie sahen die Art, wie sie Filme machten, als äquivalent zum action painting in der Art Jackson Pollocks. Sie umgingen nach Möglichkeit jede Form der (Selbst-)Zensur, wendeten sich tabuisierten Themen zu (vor allem Bi- und Homosexualität). Mekas gab der Bewegung die Bezeichnung Baudelarian cinema, an den Drogenpoeten Charles Baudelaire erinnernd, dessen Gedichtzyklus Les Fleurs du Mal als klassisches Beispiel einer dekadenten, den dunklen Seiten der Erfahrung aufgeschlossenen, symbolistischen Poetik galt. Schon die Filme Andy Warhols setzten sich kritisch mit den Filmen der kleinen Gruppe auseinander, bezogen einen statischen Standpunkt gegenüber der wilden und ungezügelten Kreativität ihrer Protagonisten (wie etwa in The Chelsea Girls, USA 1966, Paul Morrissey, Andy Warhol), kombinierten so die Bemühung um Entfesselung des Kinos mit der minimalistischen Kontrolliertheit des Dandys (der als Modellfigur ebenfalls in den Baudelaireschen Kosmos gehört).

Literatur: Rowe, Carel: The Baudelarian cinema. A trend within the American avant‑garde. Ann Arbor, Mich.: UMI Research Press 1982.


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: HJW


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