Lexikon der Filmbegriffe

Antizipation

(1) Antizipation (Vorwegnahme, griech.: Prolepsis) ist ein von Otto Selz in die Denkpsychologie eingeführter Begriff, der den zielgerichteten Denkablauf erklären soll: Jede Denkaufgabe schafft danach eine Art von Zielvorstellung, in der jedoch die Lösung nur in Gestalt einer Leerstelle mit Aufforderungscharakter enthalten sei. Heute wird die Antizipation als grundlegende psychologische Kategorie verstanden: Die prospektive Komponente ist eine Bedingung jeden sinnvollen Erlebens und Verhaltens. Schon das Einzelerlebnis (z.B. der Wahrnehmung) enthält antizipative Elemente.
Der denkpsychologischen Bedeutung von Antizipation korrespondiert ein erzähltechnisches Verfahren: Gemeint ist damit ein Vorgriff auf chronologisch spätere Handlungsteile (durch Prophezeiungen, Visionen, Träume der Figuren oder Vorausdeutungen des Erzählers).

(2) engl.: anticipation
Antizipation
basiert auf der kognitiven Fähigkeit des Zuschauers, aus bestimmten Informationen einer Handlung eine begrenzte Anzahl von möglichen Fortläufen zu extrapolieren. Die Konstituierung einer Wahrnehmungs- und Verstehensganzheit erfolgt in einem zeitlichen Prozess, dessen protentional-zukünftiger Horizont offen ist, der aber dennoch nicht leer ist, sondern sich aus dem bisherigen Prozess der Entfaltung des Gegenstandes ergibt. Husserl hat in der phänomenologischen Bewusstseinstheorie gezeigt, dass die Bindung der Verstehensprozesse an die Kondition der Zeit und an das in ihr begründete Verhältnis retentionaler und protentionaler Bewusstseinstatsachen eine allgemeine und unspezifische Charakteristik des menschlichen Bewusstseins ist. Darum bezeichnet Antizipativität eine allgemeine zeitliche Orientierung des Bewusstseins, wogegen die Antizipation der aktualgenetische Vollzug eines Entwurfes ist (das Entwerfen eines Wahrnehmungs- oder Verstehensgegenstandes) und darum von seinen besonderen strukturellen und substantiellen Gegebenheiten nicht abgezogen werden kann.
In der filmischen Inszenierung ist die Modulation der Antizipationen des Zuschauers das wohl wichtigste Ziel. Oft dienen Überlegenspausen im Handeln eines Protagonisten, dem Zuschauer Zeit für die antizipative Durcharbeitung des Handlungsszenarios zu geben. Auch alle Dramaturgien der Spannung beruhen auf der Präsenz der Antizipation der Gefahr für die Ankerfigur.

Literatur: Gaede, Friedrich / Peres, Constanze (Hrsg.): Antizipation in Kunst und Wissenschaft. Ein interdisziplinäres Erkenntnisproblem und seine Begründung bei Leibniz. Tübingen: Francke 1997.

Referenzen:

Absenz

Antiklimax

Antizipation

falscher Alarm

falsche Fährte

Hypothesenbildung

Prolepse

Retardation

roter Hering


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: HJW


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