Lexikon der Filmbegriffe

Chronotopos

Die Strukturierungen von Raum und Zeit in einer Erzählung bilden nach Michail Bachtin einen wechselseitigen und untrennbaren Zusammenhang. Sie durchdringen sich gegenseitig, indem der Raum die chronologische Bewegung der Erzählung gliedert und dimensioniert und umgekehrt die Zeit den Raum mit Sinn erfüllt. Der Chronotopos ist also eine Art „Raumzeit Gesetzlichkeit“, die die „Weltordnung“ einer Erzählung, ihr internes Orientierungssystem in Zeit und Raum und zugleich das Orientierungs  und Wahrnehmungsmuster ihrer Figuren (Deixis) festlegt. Räume in einer Erzählung sind nicht zufällig, sondern symbolisch, ebenso Raumbeziehungen wie Blicke, Bewegungen, Architektur, Reisen usw. Der Zusammenhang von Raum und Zeit konstituiert somit den Handlungsverlauf und die Handlungsmöglichkeiten der Figuren. Der Chronotopos einer Erzählung ist einerseits eine Art „Landkarte“, andererseits eine Art „Zeitstrahl“, wobei Elemente beider Dimensionen auf eine Weise miteinander verknüpft sind, die für bestimmte literarische Gattungen typisch ist: Chronotopos des barocken Schelmenromans ist die „Verkehrte Welt“; Abenteuerromane wiederum dehnen oder raffen den Raum, machen ihn zu einer flexiblen Repräsentationsform, während biographische Romane sich eher an zeitlich räumliche Gegebenheiten in der Welt halten müssen.
In der Erzählforschung werden häufig auch bestimmte symbolhafte Orte, die konventionalisierte Funktionen haben, als Chronotopoi bezeichnet. Das können etwa sein: die Schwelle, das Tor (Begegnung, Abschied), das Gericht (Festlegung, Richtigkeit, Urteil), der Weg (Leben, Reise, Reifung), die Heimat, das Exil, die Landschaft, der Tatort, der Fluss, die Insel, das Schiff, der Leuchtturm, die Stadt, die Festung, das Haus, die Bühne usw. Sie alle kündigen dem Leser durch ihre Konventionalisierung bereits gewisse Oppositionen und Verläufe innerhalb der Handlung an; sie lenken Handlung und Zeit; sie werden zu sinntragenden und sinnstrukturierenden Elementen.
 
Literatur: Bachtin, Michail M.: Formen der Zeit im Roman. Untersuchungen zur historischen Poetik. Hrsg. von Edwald Kowalski und Michael Wegner. Frankfurt: Fischer 1989. Zuerst russ. 1975. Neuübers.: Chronotopos. Frankfurt: Suhrkamp 2008. – Sierek, Karl: Chronotopenanalyse und Dialogizität. Prolegomena zu einer anderen Art der Laufbildbetrachtung. In: Montage/AV 5,2, 1996, S. 23-49. –  Wegner, Michael: Die Zeit im Raum. Zur Chronotopostheorie Michail Bachtins. In: Weimarer Beiträge 35,8, 1989, S. 1357 1367.


Artikel zuletzt geändert am 30.01.2012


Verfasser: W


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