Lexikon der Filmbegriffe

neuer Stummfilm

Neben dem „späten Stummfilm“ – Filme, die manchmal noch Jahre nach der Erfindung und Durchsetzung des Tonfilms als Stummfilme realisiert wurden – findet sich auch der „neue Stummfilm“, der auf jede Form sprachlicher Mitteilung verzichtet und die vokale Kommunikation als lediglich lautliche Form der Äußerung einsetzt. Derartiges findet sich in manchen Steinzeitfilmen (wie La Guerre du Feu, Kanada/Frankreich/USA 1981, Jean-Jacques Annaud, der mit erfundenen „Ursprachen“ arbeitete), in einigen nachapokalyptischen Filmen (wie Luc Bessons Le dernier combat, Frankreich 1983, der ironischerweise in einer IF-Fassung [= Internationale Fassung] ausgewertet wurde) sowie in Hommagen an die Stummfilmzeit (wie Juha, Finnland 1999, Aki Kaurismäki) oder in Formen eines neuen, sich der Filmgeschichte durchaus bewussten Slapsticks (wie in Mel Brooks‘ Silent Movie, USA 1976, in dem der Pantomime Marcel Marceau das einzige Wort ausspricht: „No!“) oder auch einer Satirisierung der Darstellung der Industriegesellschaft (wie in Charles Chaplins Modern Times, USA 1936; in The Great Dictator, USA 1940, arbeitete er mit einer kunstsprachlichen Substitution sprachlichen Ausdrucks, so dass der prosodische Gehalt der Rede umso deutlicher spürbar wurde). Der neue Stummfilm gehört einerseits zum Kino der Postmoderne, deutlich auf die Zeit und die Ausdrucksformen des stummen Kinos verweisend. Andererseits ist er aber auch Ausdruck einer radikalen Zivilisations- oder Sprachkritik (wie etwa in Themroc, Frankreich 1973, Claude Farraldo, der den Konflikt der Klassen, der seiner Geschichte zugrunde liegt, in einer extremen Konzentration zusammenführt; der Verzicht auf Sprache ist hier ein Mittel der dramatischen Abstraktion).

Referenzen:

später Stummfilm


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: HJW


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