Lexikon der Filmbegriffe

Knoppisierung

Meist ironische oder abfällige Bezeichnung für die Tendenz der Sendungen des deutschen Geschichtsfernsehens, historische Information mit Unterhaltungselementen zu versetzen, Historisches in dramatische Erzählformen umsetzend und Fragen der Schuld oder der Verantwortung dabei radikal außer Acht lassend. Insbesondere die Thematisierung der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts wird zum Historiendrama, zum schicksalhaften Vorgang, verbunden mit einer klaren Emotionalisierung der Darstellung. Insbesondere der ZDF-Historiker Guido Knopp – der 1984 die Redaktion „Zeitgeschichte“ gründete und der seit den 1990ern der Kritik den Namen gab, weil seine Reihe History sowie eine ganze Reihe von History-Mehrteilern diese Form der Geschichtsdarstellung in Reinform entwickelte und zudem seriell angeboten wird – konfrontierte oft ungenau datierte und lokalisierte historische Aufnahmen mit Interviews mit Zeitzeugen, die meist vor einen abstrakten schwarzen Hintergrund platziert wurden (die Bedeutung der Interviews wurde vom ZDF wiederum als Einzug der oral history ins Fernsehen behauptet). Die Popularisierung von Geschichte im Fernsehen erfolgte so in Darstellungsformen, die die Komplexität historischer Vorläufe an die narrativen Formate der Fernsehfiktion ebenso wie die Darstellungsformen des Boulevard-Fernsehens annäherte (und so zum Histotainment gehöre).

Literatur: Wischermann, Clemens: GeschichtsBilder. [Berichtsband des Historikertages, 2006.] Konstanz: UVK 2007, S. 214-218. – Kansteiner, Wulf: Die Radikalisierung des deutschen Gedächtnisses im Zeitalter seiner kommerziellen Reproduktion. Hitler und das "Dritte Reich" in den Fernsehdokumentationen von Guido Knopp. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft  51, 2003, S. 626-648. – Näpel, Oliver: Historisches Lernen durch „Dokutainment“? Ein geschichtsdidaktischer Aufriss. Chancen und Grenzen einer neuen Ästhetik populärer Geschichtsdokumentationen analysiert am Beispiel der Sendereihen Guido Knopps. In: Zeitschrift für Geschichtsdidaktik, 2, 2003, S. 213-244.


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: HHM


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