Lexikon der Filmbegriffe

Diasporisches Kino

engl..: diasporic cinema; auch: accented cinema; von griech.: diaspora = Verstreutheit

Seit dem späten 19. Jahrhundert dient Diaspora als Bezeichnung v.a. religiöser oder ethnischer Gruppen, die ihre traditionelle Heimat aus ökonomischen, politischen oder Gründen der Unterdrückung verlassen haben und unter Andersdenkenden leben, die aber unter diesen Bedingungen versuchen, als soziale Gruppe weiterzuleben und die sich u.U. gegen die aufnehmenden Gesellschaften als religiöse, nationale oder ethnische Gruppe abgrenzen oder von diesen ausgegrenzt werden. Diaspora wurde in der Kinotheorie zu einem Terminus der Beschreibung und Erfassung kultureller Besonderheiten von Filmen, die aus diasporischen Gemeinschaften stammen, gegebenenfalls auch das Leben derartiger Gruppen darstellen. Es sind Entwurzelungseffekte der Globalisierung, der Entstehung von Kulturen, die auf Migration aufbauen, sowie die Hybridformen des Postmodernismus, in deren Rahmen diasporische Filme untersucht wurden. Autoren wie Hamid Naficy differenzierten zwischen Filmemachern, die dem Diasporischen im engeren Sinne zugehören, die allgemeiner die Bedingungen des Exils thematisieren und die versuchten, Probleme der Konturierung und Problematisierung postkolonialer Identität (vor allem ethnischer Minderheiten) in den Formen postmodernen Kinos auszuloten und zu dem Zweck eine ästhetische Auseinandersetzung sowohl mit dem dominanten Hollywoodkino wie aber auch den Repräsentationsformen alternativer Kinematographien suchen. Zu den Beispielen französischer Herkunft zählen Vivre au paradis (Frankreich/Algerien/Belgien/Norwegen 1998, Bourlem Guerdjou), der in einer Exilantengemeinde im Paris der frühen 1960er während des algerischen Befreiungskriegs spielt, Salut cousin! (Frankreich 1996, Merzak Allouache), der in einer algerischen Gemeinde in Paris spielt, oder L'autre Monde (Algerien/Frankreich 2001, Merzak Allouache), der eine Reise eines in Frankreich geborenen Paares nach Algerien, dem Heimatland der Eltern, macht, das sie nur aus Erzählungen kennen. Diasporische Filmproduktion gibt es aber in allen Teilen der Welt.

Literatur: Berghahn, Daniela / Sternberg, Claudia (eds.): European cinema in motion. Migrant and diasporic film in contemporary Europe. Basingstoke [...]: Palgrave Macmillan 2010. – Naficy, Hamid: An Accented Cinema: Exilic and Diasporic Filmmaking. Princeton, N.J./Oxford: Princeton University Press 2001. – Mishra, Vijay: The Diasporic Imaginary. In: Textual Practice  10,1, Spring 1996, S. 421-447.

Referenzen:

Accented cinema

cinéma beur

cinéma du métissage

Drittes Kino III: Postkolonialismus

Emigration

postcolonial studies


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: KB


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