Lexikon der Filmbegriffe

inszenierter Dokumentarfilm

Eine hybride Filmgattung insofern, als ein mehrheitlich ungestellter Dokumentarfilm Anteile aufweist, die eigens für ihn inszeniert worden sind. Dies geschieht etwa dann, wenn Sachverhalte illustriert werden sollen, zu denen kein Bildmaterial existiert. Dabei werden zum Beispiel vergangene Ereignisse nachgestellt, möglichst mit den Beteiligten und am authentischen Schauplatz oder auch als Neuschöpfung mit Schauspielern. Die inszenierten Anteile sind grundsätzlich von der Absicht getragen, das Publikum auf die Realität zurückzuverweisen (und nicht etwa vom Wunsch, sie in eine fiktionale
Illusion eintauchen zu lassen). Ein älteres Beispiel ist Feind im Blut (Schweiz 1931, Walter Ruttmann) über die Entstehung und Verbreitung von Syphilis, ein neueres Der Fall Chodorkowski (BRD 2011, Cyril Tuschi) über einen russischen Milliardär, der seit 2003 im Gefängnis sitzt, weil er in Konflikt mit dem Ministerpräsidenten Putin geriet. In vielen Fällen arbeiten Dokumentaristen mit Formen der Inszenierung; schon Nanook of the North (USA 1922, Robert Flaherty) basiert auf Bildern, die großenteils für die Aufnahmen gestellt wurde. Flahertys halbdokumentarische Louisiana Story (USA 1948) geht den Weg, den Dokumentaristen bis heute gehen: Wenn man die inszenierten Szenen als solche kenntlich macht, nimmt man ihnen den Anspruch auf eine ursprüngliche Authentizität,
kennzeichnet sie stattdessen als Elemente eines Diskurses über Reales.

Referenzen:

Mockumentary

Pseudo-Dokumentarfilm

Re-Enactment


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: PB JH


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