Lexikon der Filmbegriffe

CineSexuality

Die britische Filmwissenschaftlerin Patricia McCormack entwickelte das Konzept der CineSexuality. Inspiriert von Gilles Deleuze und Felix Guattari begreift sie das Medium Film als einen „organlosen Körper“, zu dem das Auge als reduziertes Geschlechtsorgan in ein sinnliches Verhältnis tritt. Dem audiovisuellen Medium selbst kommt ungeachtet seiner Phantomhaftigkeit somit eine körperliche Qualität zu: Es wird zu einem cinematic body (Steven Shaviro), dem sich der menschliche Sinnesapparat in einem quasi sexuellen Akt hingibt. In ihrem durchaus exzentrischen Theoriemodell, das in großen Zügen der Seduktionstheorie des Films entspricht, wie sie von Fuery und Stiglegger vorgeschlagen wurde, plädiert MacCormack deutlich für eine performative Körperlichkeit des Films (durch Textur, Licht, Schatten, letztlich alle gebotenen ,Sensationen’), die unabhängig von einer bloßen Abbildung des (menschlichen) Körpers besteht und jenseits von symbolischen und semantischen oder gar kulturspezifischen Zuschreibungen funktioniert. CineSexuality kann als Ansatz gesehen werden, eine Deleuze’sche Filmphilosophie radikal weiterzudenken und letztlich in eine „Schizoanalysis“ des Films münden zu lassen (Buchanan/MacCormack). Dieser Ansatz kann zugleich als eine Herausforderung in der Betrachtung anderer audiovisueller Medien verstanden werden, deren Medien-Körper kulturenübergreifend weniger an eine intellektuelle Kognition als vielmehr an eine sinnliche Rezeption der medialen Performanz appellieren.

Literatur: Buchanan, Ian/MacCormack, Patricia (eds.): Deleuze and the Schizoanalysis of Cinema. London/New York: Continuum 2008. – Fuery, Patrick: New Developments in Film Theory. London: Macmillan 2000. – MacCormack, Patricia: CineSexuality. Aldershot: Ashgate 2008. – Shaviro, Steven: The Cinematic Body. Minneapolis: University of Minnesota Press 1993. – Stiglegger, Marcus: Ritual & Verführung. Schaulust, Spektakel und Sinnlichkeit im Film. Berlin: Bertz und Fischer 2006.


Artikel zuletzt geändert am 02.03.2012


Verfasser: MS


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